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Medizin und Technik gegen Krankenhausinfektionen

Medizin und Technik gegen Krankenhausinfektionen

Foto: Mann wischt ein Krankenzimmer

Doch woran liegt es, dass trotz des Wissens um Infektionsquellen weiterhin zum Teil schwere Infektionen bei Patienten oder dem Personal auftreten? Liegt es am fehlenden Hygienebewusstsein, an falsch oder nicht ausreichend sterilisierten Instrumenten? Doktor Klaus-Dieter Zastrow, Sprecher der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene, will Letzteres zumindest nicht gelten lassen: „Die wenigsten Infektionen werden über ein schlecht aufbereitetes oder sterilisiertes Instrument verbreitet. Denn der Aufbereitungsprozess – zumindest was Deutschland anbelangt – ist sehr gut standardisiert.“

Zwar sind alle Patienten mit offenen Wunden – also besonders Patienten, die operiert werden müssen – höheren Infektionsrisiken ausgesetzt, da sie eine bessere „Angriffsfläche“ für Mikroorganismen bilden. Doch gerade im Operationssaal und bei chirurgischen Instrumenten wird besonders auf Sterilität geachtet. Ohnehin dürfen nur Instrumente wiederaufbereitet werden, die von den Herstellern entsprechend als wiederverwendbar gekennzeichnet wurden. „Es gibt eine klare Richtlinie, unter welchen Bedingungen Instrumente wieder aufbereitet werden dürfen. Das heißt, wenn eine Firma sachgerecht aufbereitet, so wie es den Herstellerangaben entspricht, gibt es keine Probleme. Da wird zum Beispiel festgeschrieben, dass das Produkt frei sein muss von Blut, organischem Material, es darf keine Partikel oder Pyrogene haben etc. Das sind Anforderungen, die wir auch an jedes Neuprodukt stellen. Wer also die Richtlinien beachtet, der produziert ein Instrument, das absolut gleichwertig zu einem Neuen ist.“

Die größte Fehlerquelle ist der Mensch

Wenn die Technik also für sterile Instrumente sorgt – immer vorausgesetzt sie wird richtig angewendet –, wo liegen dann die Hygieneschwachstellen eines Krankenhauses? Der Hygieneexperte dazu: „Infektionen wie zum Beispiel MRSA werden durch das medizinische Personal übertragen. Es werden Fehler bei der medizinischen Versorgung gemacht, es fehlt oft das Hygienebewusstsein.“ So würde die Händedesinfektion oftmals nicht oder schlecht durchgeführt, sterile Handschuhe würden nicht gewechselt, obwohl unsterile Flächen angepackt würden und oder beim Legen eines Katheters wird zuvor aus Versehen der Unterarm des Patienten gestreift – das alles kann zu Infektionen führen. Bei aller konstruktiver Kritik hat Zastrow jedoch auch Verständnis für die Situation des medizinischen Personals: „Die Problematik ist natürlich wahnsinnig komplex, etwa aufgrund der Personalsituation. Es wird auf der einen Seite Personal abgebaut, aber auf der anderen Seite gesagt: Ihr müsst die gleiche Leistung erbringen. Das ist nicht machbar. Die Hygienevorschriften einzuhalten, erfordert zwar eigentlich nicht viel Zeit, aber wer unter Zeitdruck steht, der wird seine Arbeit schlechter machen. Ein Beispiel hierfür ist die Wiederverwendung von Kanülen, wenn der erste Stich nicht sitzt. Eigentlich müsste der Arzt sofort eine neue Kanüle auspacken, weil nun in der bereits verwendeten eine Hautstanze ist. Doch was tun, wenn er keine saubere mehr zur Hand hat? Dann benutzt er die eine eben zweimal, denn er holt nicht mal eben eine Neue, weil er ja in der gleichen Zeit das doppelte und dreifache leisten soll.“

 
 


 
 

Wenn es keine Veränderung in den Personalzahlen der Krankenhäuser gibt, müssen also Mittel und Wege gefunden werden, die Arbeitsprozesse für die Angestellten so einfach und sicher wie möglich zu machen. Dazu gehört auch die einfache Bedienbarkeit vorhandener Sterilisationsgeräte. Diese Prozesse dürfen nicht zusätzlich Zeit „fressen“. Neue Forschungsprojekte wie das „SteriHealth“-Projekt, eine Kooperation von sechs Fraunhofer-Instituten, setzen aus diesem Grund auf eine Mischung von neuer Sterilisationstechnik und vereinfachtem Bedienprozess.

In wenigen Schritten zum sterilen Produkt

Einer der an dem Projekt beteiligten Wissenschaftler ist Doktor Axel Wibbertmann vom Fraunhofer-Institut für Toxikologie und Experimentelle Medizin. Er und sein Team forschen an einem Gerät, das in einem Systemschritt ein Instrument oder Gerät sterilisiert, sodass es vollständig verpackt dem Gerät entnommen werden kann und sofort lagerungsfähig ist. Es geht also um die Entwicklung eines Gerätes sowie einer entsprechenden Verpackung und um eine stetige Kontrolle der Sicherheit. Doch könnte man das nicht auch mit bereits vorhandenen Methoden erreichen? Wibbertmann meint nein: „Es gibt viele Systeme auf dem Markt, aber das Problem ist, dass die bisherigen Methoden, zum Beispiel bei neuen Produkten wie Zelltherapeutika, sozusagen die Systeme töten. Das heißt, wenn man Zelltherapeutika mit Hitze oder auch mit einer harten Gammastrahlung behandelt, dann sterben die Zelllinien ab. Wir planen aus diesem Grund ein System auf Strahlenbasis, welches niederenergetisch arbeitet. Das heißt, die Elektronen werden beschleunigt und haben auch eine sehr gute Wirkung, aber die Strahlung als solche ist nicht stark und vieles, was bislang nicht mit Strahlung behandelt werden konnte, kann man dann damit behandeln.“ Doch wo kommt die neue Verpackung ins Spiel? „Das Prinzip wird sein, dass man zum Beispiel im Krankenhaus ein OP-Besteck, das man sterilisieren möchte, in unsere neu entwickelte Verpackung legt. Diese kommt dann verschlossen in den Sterilisationsapparat, wo das Besteck durch die Verpackung hindurch für etwa fünf bis zehn Sekunden bestrahlt wird. Nach der Bestrahlung kann man dann das fertig verpackte und nun sterile Produkt herausnehmen. Das hat den Vorteil, dass man das OP-Besteck nach der Sterilisation nicht mehr anfassen und umverpacken muss, sondern es direkt lagern kann.“

Es würde also ein Schritt des bisherigen Sterilisationsprozesses wegfallen – das Entnehmen und Verpacken des sterilisierten Gutes. Die Übertragung von Mikroorganismen auf das Produkt durch „Menschenhand“ würde so verhindert. Darüber hinaus soll die Verpackung auch einen Diamanten bekommen, der zusammen mit einem Lesegerät Auskunft geben kann, ob ein Produkt in der Verpackung noch steril ist oder nicht. Natürlich wird bei aller Technik und Anwendung ein gewichtiges Argument den Ausschlag geben, ob Gerät und Verpackung schließlich angenommen werden – der Preis und der Aufwand. Da die Sterilisation vor Ort, also in Krankenhäusern, Arztpraxen oder Altenpflegeheimen möglich sein soll, muss das Personal entsprechend angelernt werden. Doch so können auch mehrere Sterilisationsprozesse pro Tag gefahren werden, was für die Betreiber günstig ist. Doch noch steht das Projekt ganz am Anfang. Wibbertmann: „Im Mai 2011 ist das SteriHealth-Projekt gestartet, die Laufzeit beträgt drei Jahre. Die ersten Versuche bezüglich der Strahlung laufen schon, nun wählen wir gerade die Verpackung aus. Auch die Keimauswahl für die Testung läuft. Welche Keime sind zum Beispiel in der Klinik relevant? Die müssen wir testen. Wir rechnen damit, dass wir erste Ergebnisse Ende des Jahres haben. Es ist zunächst geplant, ein Demogerät für Gegenstände bis zu 20 Zentimetern zu entwickeln. Aber natürlich kann man es später an die Wünsche der Endverbraucher anpassen.“ Ob und wie sich das neue System entwickeln wird und welche Vorteile es gegenüber herkömmlichen Verfahren tatsächlich haben wird, das kann man also erst in einigen Monaten sagen. Tatsache ist, dass der Markt für Medizinprodukte hart umkämpft ist und sich so immer wieder interessante Ideen und neue Entwicklungen sehen lassen. Welche davon bleiben, entscheidet auch hier der Endverbraucher. Doch es wäre wünschenswert, wenn bei all der technischen Entwicklung auch die Menschen nicht aus den Augen verloren würden, die diese Technik anwenden – das medizinische Personal in Krankenhäusern und Praxen. Die beste Technik nützt wenig, wenn das Personal so überarbeitet ist, dass sich weiterhin gefährliche Fehler einschleichen.

Simone Ernst
MEDICA.de


Weiterführende Informationen zum derzeitigen Standard vom Deutschen Institut für Medizinische Dokumentation und Information (DIMDI): Empfehlung für die Überwachung der Aufbereitung von Medizinprodukten

 
 

 
 

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