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„Man darf das Potential der Viren nicht unterschätzen“

Tropenmedizin: „Man darf das Potential der Viren nicht unterschätzen“

22.10.2011

Foto: Jonas Schmidt-Chanasit

Doktor Jonas Schmidt-Chanasit;
© privat

Tropenkrankheiten kannte man vor geraumer Zeit fast ausschließlich aus entfernten Ländern − das beinhaltet der Name bereits. Galt doch der Mückenstich in europäischen Regionen weitestgehendst als harmlos, wenn auch lästig. Doch die stechenden Plagegeister breiten sich weiter aus und mit ihnen auch kleinere, gefährliche Erreger.

Forscher fanden nun heraus, dass diese Viren bereits in Europa Fuß fassen. Sie tragen den Namen Sindbis, Batai oder Usutu. Doch wie können sich die tropischen Erreger derart vermehren, welche Gefahr geht von ihnen für den Menschen aus und welche Prognosen leitet man daraus ab?

MEDICA.de sprach mit Doktor Jonas Schmidt-Chanasit, dem Leiter der virologischen Diagnostik des Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg.


MEDICA.de: Herr Doktor Schmidt-Chanasit, die Bedeutung von Infektionskrankheiten, die vom Tier auf den Menschen übertragbar sind, nehmen weltweit zu. Welche Ursachen liegen diesen Entwicklungen zugrunde?

Schmidt-Chanasit: Die Ursachen können wir eigentlich nur beim Menschen suchen. Wir dringen zunehmend in Bereiche vor, in die Menschen noch vor wenigen Jahrzehnten keinen Zugang hatten. Dadurch ergeben sich engere Kontakte mit exotischen Tieren, die früher nie möglich gewesen wären. Auch durch Maßnahmen wie Rodungen des Regenwaldes und Massentierhaltungen auf riesigen Farmen werden Wildtiere aus ihren Nischen verdrängt. Diese Veränderungen tragen stark dazu bei, dass sich bestimmte Viren effektiver auf den Menschen übertragen können. Ebenso führt das starke Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern und das damit verbundene engere Zusammenleben zwischen Menschen und Nutztieren zu einer häufigeren Übertragung von zoonotischen Erregern auf den Menschen.

MEDICA.de: Vor Schweine- und Vogelgrippe und anderen weltweit auftretenden zoonotischen Erregern wird in verschiedenen Abständen immer wieder gewarnt. Welche Rolle spielt die Globalisierung?

Schmidt-Chanasit: Die Globalisierung ist auch ein wichtiger Faktor, wenn es um die schnelle Verbreitung zoonotischer Erreger oder Vektoren geht, denn der Waren- und Reiseverkehr zwischen den Kontinenten hat stark zugenommen. Durch den globalen Warentransport wurden zum Beispiel exotische Stechmücken nach Europa eingeschleppt und übertragen nun in Frankreich und Kroatien das Dengue-Virus auf den Menschen.

MEDICA.de: Welche Erreger haben das Potential sich in der nächsten Zeit besonders stark auszubreiten und vor allem für den Menschen gefährlich zu werden?

Schmidt-Chanasit: Das Paradebeispiel ist natürlich das Influenza-Virus, dass sich aufgrund der vielfältigen Kontakte des Menschen zu Nutztieren, vor allem in Südostasien, effektiv ausbreiten kann. In Europa spielen die durch Stechmücken übertragenen Zoonoseerreger eine zunehmend größere Rolle, da sich sowohl die Stechmücken, als auch die von Stechmücken übertragenen Viren immer weiter ausbreiten. Gleichzeitig ist es schwierig, gerade die invasiven Stechmücken zu kontrollieren.

Das Problem ist nicht neu. Seit Ende der 70er Jahre wissen wir, dass es zum Beispiel die Asiatische Tigermückein Europa gibt. Das hat in Albanien angefangen und massive Ausbreitung in den nördlichen Mittelmeerländern konnte nur stattfinden, da man sich jahrzehntelang nicht um dieses Problem gekümmert hat. Dieses Laissez-faire ermöglichte dann, dass das Dengue-Virus im Jahr 2010 in Europa Fuß fassen konnte. Für die Zukunft ist es deshalb wichtig, dass wir das Problem weltweit angehen. Denn auch in den USA ist aufgrund fehlender Stechmückenkontrollmaßnahmen das Dengue-Virus und die Asiatische Tigermücke auf dem Vormarsch, insbesondere im US-Bundesstaat Florida.

In Südwestdeutschland gibt es seit über 30 Jahren die Kommunale Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Stechmückenplage (KABS), die die Stechmückenplage am Rhein gut in den Griff bekommen hat. Hier gilt es nun das Know-how und die Erfahrungen der KABS auf Deutschland und Europa zu übertragen, um die invasiven Stechmücken und die von Ihnen übertragenen Viren effektiv zurückzudrängen.

 
 
Foto: Mikroskopisches Bild der Sindbis-Viren

Durch das Reassortment kommt es zu einer Vermischung und Neuverteilung genetischer Informationen, die ein Virus befähigt, Menschen zu infizieren;
© Bernhardt-Nocht-Institut für Tropenmendizin

MEDICA.de: Wie vollzieht sich ein Wirtswechsel eines Erregers vom Tier auf den Menschen? Welche Eigenschaften braucht ein Erreger, um auf Menschen überzugehen?

Schmidt-Chanasit: Es gibt verschiedene Mechanismen. Zunächst ist meist der häufige und intensive Kontakt zwischen Mensch und Tier ausschlaggebend, das betraf zum Beispiel die aviäre Influenza vom Typ H5N1. Ein kurzer Kontakt zwischen Mensch und Tier reichte für eine effektive Übertragung nicht aus. Es waren vor allem Menschen davon betroffen, die einen engeren Kontakt zu Tieren pflegten, beispielsweise in Geflügelhaltungen. Zum anderen handelt es sich bei den zoonotischen Erregern meist um RNA-Viren, die hochvariabel sind und sich sehr schnell verändern können. Bei den Influenza-Viren sind es die sogenannten Reassortanten, bei denen bestimmte Genomsegmente ausgetauscht wurden. Durch das Reassortment kommt es zu einer Vermischung und Neuverteilung genetischer Informationen, die zum Beispiel ein Influenza-Virus befähigt, Menschen zu infizieren und eine Erkrankung hervorzurufen.

Reassortanten kennen wir auch von anderen Viren, zum Beispiel den Orthobunyaviren, die von Stechmücken übertragen werden. In Afrika ist so eine Orthobunyavirus-Reassortante bereits in den 90er Jahren aufgetreten: Das ursprünglich für den Menschen harmloses Orthobunyavirus konnte nach dem Reassortment ein Hämorrhagisches Fieber hervorrufen, ähnlich wie das Ebola-Virus.

MEDICA.de: Häufig ist es schwer, vorab die Phasen oder Stadien des Ausbruchs eines Erregers genau vorherzusagen. Wie groß sind die Chancen zukünftig früher und gezielter bei einem häufig noch unbekannten Virus eingreifen zu können?

Schmidt-Chansit: Genau das haben wir in Bezug auf zoonotische Krankheitserreger und insbesondere auf Stechmücken übertragene Viren lange Zeit vernachlässigt. Weltweit findet seit den 70-er Jahren kaum noch ein übergreifendes Monitoring von Stechmücken-übertragenen Erregern statt. Man hat sich vielmehr auf einzelne zoonotische Krankheitserreger, zum Beispiel das Dengue-Virus, konzentriert, aber dabei den großen Überblick verloren. Deshalb ist es jetzt unsere Aufgabe diese Lücke zu schließen.

Für uns stellt sich zum Beispiel die Frage, welche Viren bereits in deutschen Stechmücken vorhanden sind und welche in den nächsten Jahren, beispielsweise aus tropischen Regionen, dazukommen. Wichtig ist dabei die sogenannte Surveillance. Dazu ist es notwendig wir die Stechmücken kontinuierlich über mehrer Jahre zu fangen, um herauszufinden, was sich verändert hat. So finden wir zum Beispiel neue Viren, wie das Usutu-Virus. Letztes Jahr haben wir das Usutu-Virus in nur einer von 70.000 untersuchten Stechmücken gefunden und dieses Jahr gab es durch das Usutu-Virus bereits ein Massensterben unter Amseln in Südwestdeutschland. Unsere durchgeführten Surveillance Projekte sind somit wichtig, um ein Frühwarnsystem für Stechmücken übertragene Erreger in Deutschland zu etablieren.

MEDICA.de: Der Nachweis des Usutu-Virus in verschiedenen Gebieten von Südeuropa war vor einigen Jahren Grund zur Besorgnis. Mittlerweile haben sie in Deutschland drei exotische Viren bei Tieren nachweisen können, das Sindbis-, Batai- und Usutu-Virus. Was machen die Viren so gefährlich für den Menschen?

Schmidt-Chanasit: Diese drei Viren waren die ersten Viren die in einheimischen Stechmücken nachgewiesen werden konnten. Da wir jetzt seit dem Jahr 2010 wissen, welche durch Stechmücken-übertragene Viren bei uns vorkommen, können wir weitere Untersuchungen initiieren, um die medizinische Relevanz dieser Befunde für die Bevölkerung in Deutschland beurteilen zu können. Patienten mit entsprechenden Erkrankungssymptomen werden so zukünftig gezielter darauf untersucht werden können. Das Batai-Virus ist zum Beispiel sehr wandlungsfähig - eine Reassortantenbildung ist möglich.

 
 
Foto: Eine Frau untersucht Proben im Labor

In den USA werden alle Blutspender bereits auf eine West-Nil-Virus Infektion hin untersucht; © panthermedia.net/Christoph Hühnel

MEDICA.de: Welche Bedeutung haben die von Ihnen gesammelten Ergebnisse für die deutsche und europäische Bevölkerung?

Schmidt-Chanasit: Wir haben nun erst einmal die Aufgabe, nach menschlichen Infektionen zu suchen. Bisher deutet allerdings noch nichts darauf hin, dass in Deutschland Infektionen mit den Usutu-, Batai-, oder Sindbisis-Viren massiv aufgetreten wären. Allerdings darf man das Potential dieser Viren nicht unterschätzen, denn in Skandinavien kommt es bereits in einem Sieben-Jahres-Rhythmus immer wieder zu einem Anstieg humaner Sindbis-Virus Infektionen mit tausenden Erkrankungsfällen.

MEDICA.de: Mit welchen medizinischen Maßnahmen begegnet man dieser möglichen Gefahr?

Schmidt-Chanasit: Wir arbeiten sehr eng mit Neurologen, Transfusionsmedizinern und Intensivmedizinern zusammen, um entsprechende Erkrankungsfälle schnell und eindeutig identifizieren zu können. Auf Fortbildungsmaßnahmen informieren wir auch die Kollegen, die in diesen Bereichen tätig sind, damit sie sich vorab auf Erkrankungsfälle mit diesen Viren vorab einstellen können.

MEDICA.de: In den USA hat man bereits mit „exotischen“ Viren Erfahrungen gesammelt, welche Maßnahmen werden dort bereits umgesetzt?

Schmidt-Chanasit: In den USA ist die Entwicklung ganz klar: Das Dengue-Virus ist wieder in Florida aufgetaucht und das West-Nil-Virus zirkuliert seit 1999 in Nordamerika. Daher hat das amerikanische Rote Kreuz darüber nachgedacht, alle Blutspender auf das Dengue-Virus zu untersuchen. Besonders wichtig ist diese Untersuchung für Hochrisikopatienten, bei denen eine mit dem Dengue-Virus kontaminierte Bluttransfusion fatale Folgen haben könnte. In den USA werden alle Blutspender bereits auf eine West-Nil-Virus Infektion hin untersucht. Der Test auf das Dengue-Virus kommt jetzt neu dazu. Das hat eine große Relevanz in den USA.

MEDICA.de: Inwieweit sind deutsche Allgemeinmediziner bereits auf eine mögliche zunehmende Übertragung dieser neuen Viren vorbereitet?

Schmidt-Chanasit: Das Tropeninstitut veranstaltet für Ärzte zahlreiche Weiterbildungskurse, durch die wir viele Allgemeinmediziner erreichen können. Gleiches gilt für die Pressearbeit, um unsere Kollegen gut zu informieren. Eine niedergelassene Allgemeinmedizinerin aus Thüringen hat so den ersten autochthonen Denguefall in Europa klinisch diagnostiziert. Der Patient wohnte in Thüringen und hatte Urlaub in Kroatien gemacht. Dies ist ein gutes Beispiel dafür, dass Allgemeinmediziner häufiger ungewöhnliche Symptome bei Patienten hinterfragen, genau untersuchen und uns dann, bei einem Verdachtsfall, Blutproben zusenden.


Das Interview führte Diana Posth.
MEDICA.de

 
 

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