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„Wir konzentrieren uns in den Fachkreisen zu wenig auf die Grundlagen“

„Wir konzentrieren uns in den Fachkreisen zu wenig auf die Grundlagen“

Foto: Doktor Stephan Eder, Mann lächelnd im Arztkittel

MEDICA.de fragte Doktor Stephan Eder, Direktor der Klinik für Gefäßchirurgie am Schwarzwald-Baar-Klinikum Villingen-Schwenningen und Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Wundheilung (DIW), wie es um die Versorgung chronischer Wunden steht und welche Verbesserungen für die Versorgungssituation der Patienten notwendig sind.

Auf dem MEDICA WOUND CARE FORUM vom 16.-19. November 2011 informiert das Deutsche Institut für Wundheilung erstmalig über aktuelle Themen der Wundversorgung.


MEDICA.de: Herr Doktor Eder, in einer Zeit höchster medizinischer Versorgungsmöglichkeiten sind chronische Wunden immer noch ein großes Problem. Woran liegt das?

Stephan Eder: Wunden gehören zu den grundsätzlichen medizinischen Problemen in der Bevölkerung. Es gibt sehr viele Erkrankungen, bei denen Wunden nicht die Ursache, sondern das Ergebnis darstellen. Vor allem ältere Menschen sind davon betroffen und damit eine Bevölkerungsgruppe, die stark anwächst.

In der Außendarstellung ist das Thema zur Zeit sehr präsent, auch, weil die langwierige Behandlung viel Geld kostet. Das Problem gab es aber immer schon. Heutzutage haben wir gute Behandlungsmöglichkeiten, um chronische Wunden zu heilen. Wir versuchen deshalb, betroffene Patienten zügig in eine Ursachen bezogene Wundbehandlung zu integrieren.

MEDICA.de: Besteht aufseiten des Pflegepersonals oder der Ärzte überhaupt ein Nachholbedarf in Sachen effektiver Wundversorgung?

Eder: Die Behandlung von Wunden ist ein spezielles medizinisches Feld, das sehr unterschiedliche medizinische Probleme umfasst. Hier ist eine Fächer übergreifende Zusammenarbeit notwendig. Chronische Wunden können ohne eine Gefäßdiagnostik und -behandlung häufig nicht sinnvoll behandelt werden. Der Nachholbedarf bei vielen Medizinern ergibt sich aus einem einfachen Sachverhalt: Für die durchschnittliche Hausarztpraxis ist die Problematik chronischer Wunden zahlenmäßig wenig relevant. Wir versuchen deshalb, die Ärzte weiter zu sensibilisieren.

Gleichzeitig möchten wir Pflegedienste mit wichtigen Informationen über eine effektive Wundversorgung informieren. Sie sind ein wichtiger Multiplikator, denn sie stehen ständig im Kontakt mit den Arztpraxen, den Patienten und ihren Angehörigen. Auch für große Pflegeeinrichtungen wird das Thema immer wichtiger, da hier die zunehmend älteren Bewohner häufig betroffen sind.

 
 
Foto: verbundener Fuß 
Neuropathie mit ausgeprägten
Gefühlsstörungen führt zu nicht
bemerkten Druckstellen an den Füßen;
© panthermedia.net/Ursula Jacobs

MEDICA.de: Welche Arten chronischer Wunden kommen am häufigsten vor?

Eder: Chronische Wunden lassen sich in drei große Bereiche einteilen: Zuerst möchte ich den Dekubitus, das Druckgeschwür, nennen. Hiervon sind besonders ältere und bettlägerige Patienten betroffen, die sich wund liegen. Es handelt sich dabei um eine Wunde, die aufgrund der Druckproblematik schlecht heilt.

Als zweites Problem sind „offene Beine“ anzuführen, der medizinische Begriff ist das Ulcus cruris. Ursächlich handelt es sich hier meist um Gefäßprobleme der Venen oder Arterien. Als dritten Schwerpunkt möchte ich den „Diabetischen Fuß“ nennen. Hier führt die Neuropathie mit ausgeprägten Gefühlsstörungen zu nicht bemerkten Druckstellen an den Füßen, in der Regel ausgelöst durch unpassendes Schuhwerk. Und wenn zusätzlich eine Verschlusskrankheit der Arterien besteht, ist die Behandlung sehr schwierig und die Heilungsraten vermindert.

MEDICA.de: Welche Patientengruppe, neben Diabetespatienten, ist besonders betroffen?

Eder: Gefäßpatienten leiden häufig an chronischen Wunden. Durch das Zigaretten rauchen, die Zuckerkrankheit, einen hohen Blutdruck und Fettstoffwechselstörungen nehmen Gefäßerkrankungen und somit das Risiko, eine der genannten chronische Wunden zu entwickeln, zu. Natürlich wird das vor allem die alternde Bevölkerung betreffen.

MEDICA.de: Gibt es eine Möglichkeit, sich präventiv vor chronischen Wunden zu schützen?

Eder: Bei der Dekubitusprävention sollte eine regelmäßige Kontrolle des Aufliegens stattfinden. In Pflegeheimen und Intensivstationen wird weiterhin intensiv versucht, dieses Problem zu lösen. Ist der Patient nicht bettlägerig, kann er bereits durch wenig Bewegung dazu beitragen, das Dekubitusrisiko zu senken. Ein anderes Gebiet sind Krampfadern. Sie sollten frühzeitig behandelt werden, da sie nach vielen Jahren zu offenen Beinen führen können. Krampfadern sind eine Volkserkrankung.

Da Diabetiker zu einer wichtigen Risikogruppe gehören, müssen wir sie über Themen wie Neuropathie, das Augenlicht und die Nierenproblematik gut informieren. Diese Patienten sollten beispielsweise auch wissen, dass ihre Füße gefährdet sind und eventuell spezielle Schuhe mit einer Weichbettung benötigt werden.

Präventiv können sehr viele, meist einfache Maßnahmen getroffen werden. Fangen wir aber erst mit der Therapie bereits entstandener Wunden an, wird es schwierig, langwierig und auch teuer.

 
 

Foto: Verbandsutensilien

MEDICA.de: Welche Behandlungsziele sind zu verfolgen, wenn Patienten bereits an einer chronischen Wunde leiden?

Eder: An erste Stelle tritt die Ursachenforschung. Wir müssen herausfinden, warum die Wunde entstanden ist, sei es durch Krampfadern, Durchblutungsstörungen oder Diabetes. Solange allerdings einem Diabetespatienten das Problem der Druckbelastung nicht bewusst ist, kann die Wunde zwar behandelt werden, aber sie wird nicht abheilen. Besteht bereits eine Wunde, sollte sie nicht ausschließlich mit lokalen Wundauflagen behandelt werden. Das ist ein falscher Ansatz, denn wir möchten die Wunde nicht pflegen, sondern behandeln. Wir müssen die Ursache beseitigen.

MEDICA.de: Gibt es einen sogenannten „Goldstandard der Therapie“, der sich in den letzten Jahren als effektiv erwiesen hat?

Eder: Leider gibt es keinen Therapie-Goldstandard. Wir haben nur wenige wissenschaftliche Grundlagen geschaffen und können uns daher sehr wenig auf die sogenannte evidenzbasierte Medizin, auf die Grundlage von empirisch nachgewiesener Wirksamkeit, im Bereich der lokalen Wundbehandlung beziehen. Einen Goldstandard gibt es aber für jede Form der Ursachenbehandlung.

Gerade randomisierten klinischen Studien wird sehr viel Bedeutung zugesprochen. Auch wenn wir viele dieser Studien nicht vorweisen können, lässt sich mittlerweile eindeutig feststellen, dass eine feuchte Wundbehandlung zum Standard gehört. Wenn wir die Wunde austrocknen lassen, zum Beispiel eine trockene Kompresse und Pflaster auflegen, dann heilt die Wunde wesentlich langsamer ab. Halten wir sie jedoch feucht, wirkt sich das Milieu vorteilhaft auf die Zellen aus. Für eine feuchte Wundbehandlung benötigen wir allerdings Material, das dieses Milieu schafft.

Ein weiterer Standard ist, dass das Pflegepersonal die Wunde sauber hält. Der Verband sollte einen Schutz nach außen darstellen, damit keine weiteren Bakterien eindringen können. Zusätzlich sollte die Wunde mit entsprechendem Verbandsmaterial bakterienarm gehalten werden. Hier fangen dann die ersten fachlichen Differenzen an. Fundierte Erkenntnisse gibt es nur wenig.

Wir konzentrieren uns in den Fachkreisen zu wenig auf die Grundlagen. Die effektivste Lösung ist, die Ursache einer Wunde zu erkennen und zu beseitigen, anschließend heilt die Wunde fast von alleine.

MEDICA.de: Welche medizinischen Entwicklungen sind in naher Zukunft zu erwarten?

Eder: Für eine gute Wundbehandlung reicht es bereits aus, wenn die Wunde genau untersucht wird und die Ursachen analysiert werden. Ein Hausarzt sollte sich bei der ersten Untersuchung einer Wunde Gedanken machen, warum der Patient die Wunde überhaupt hat. Ist eine Venenkrankheit, eine arterielle Verschlusskrankheit, ein Druckproblem oder die Neuropathie beim Diabetiker dafür verantwortlich? Wenn wir dieses Wissen weiter verbreiten, werden wir circa 80 Prozent der chronischen Wundprobleme sehr schnell lösen können.

Das Interview führte Diana Posth.
MEDICA.de

 
 

MEDICA WOUND CARE FORUM:

Leitung: Dr. Stephan Eder, Geschäftsführer des Deutschen Instituts für Wundheilung (DIW)

Programm: Donnerstag, 17.11.2011 bis Freitag, 18.11.2011 von 11:00 bis 16:00 Uhr sowie Samstag, 19.11.2011 von 11:00 bis 13:00
Veranstaltungsort: Halle 6 Stand G20



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