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Professor Manfred Dietel: „Deutsche Medizin-Unternehmen müssen sich in China verstärkt vernetzen“
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Professor Manfred Dietel: „Deutsche Medizin-Unternehmen müssen sich in China verstärkt vernetzen“
18.11.2011German-Sino-Healthcare Group e.V. / G-S-HCG e.V.
Im Zuge des wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austauschs zwischen Deutschland und China streben beide Länder im medizinischen Sektor eine intensivere Zusammenarbeit an. Die G-S-HCG hat sich zur Aufgabe gemacht, diese Entwicklung gemeinsam mit ihren über 30 deutschen Mitgliedsunternehmen zu fördern und einen Beitrag zum Wissenstransfer zu leisten. Gemeinsam mit chinesischen Partnern könnten so in den nächsten Jahren zahlreiche Projekte verwirklicht werden.
Professor Manfred Dietel, Chairman der G-S-HCG und Direktor des Instituts für Pathologie der Charité in Berlin, sprach über aktuelle Vorhaben und Kooperationen in China und gab einen Ausblick auf zukünftige Vorhaben.
Redaktion: Die German-Sino-Healthcare Group e.V. hat sich zum Ziel gesetzt, Know-how und Technologien verstärkt zwischen Deutschland und China auszutauschen, um zur Verbesserung des chinesischen Gesundheitswesens beizutragen. Welche Entwicklungen lassen sich in den letzten Jahren feststellen?
Professor Manfred Dietel: Am Anfang der Zusammenarbeit zwischen China und Deutschland stand das „Memorandum of Understanding“, eine Vereinbarung, die vom ehemaligen Wirtschaftsminister Michael Glos und dem damaligen Leiter der National Development and Reform Commission (NDRC) Herrn Mac unterzeichnet wurde.Die NDRC steht in China über den Ministerien und koordiniert entscheidend die Gesamtentwicklung des Landes, unter anderem auch im Gesundheitswesen. Damals wurde die Grundlage für eine intensive Zusammenarbeit auf verschiedenen Gebieten gelegt. Eine weitere Intensivierung der bilateralen Beziehungen zwischen beiden Ländern ergab sich während des ersten China-Besuchs von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Peking. Zu dieser Zeit entstand die erste Verbindung zwischen der NDRC und der German-Sino-Healthcare Group.
Seitdem entwickeln sich verschiedene Aktivitäten, die unter anderem von den Mitgliedern des G-S-HCG-Steering Comitees Markus Fehr und Professor Jinghua Shen in China vorangetrieben werden. Um diese Aktivitäten zu stabilisieren eröffnete 2009 die G-S-HCG ein Büro in Peking, das ein wichtiger Begegnungsort für alle chinesischen Kontakte und Mitglieder geworden ist.
Redaktion: Neben zahlreichen bilateralen Tagungen und Veranstaltungen soll auch der praktische, klinische Austausch gefördert werden. Welche Vorteile ergeben sich für die medizinischen Experten beider Länder aus einem Verbund durch sogenannte Freundschaftskrankenhäuser?
Dietel: Die Freundschaftskrankenhäuser bilden den Rahmen der Zusammenarbeit, der mit konkreten Inhalten ausgefüllt werden muss. Wir haben bereits einen Austausch zwischen der Tongji Universität in Shanghai und der Berliner Charité organisiert, durch den chinesische Krankenschwestern und Ärzte für ein bis zwei Jahre in Deutschland ausgebildet wurden. Insgesamt nahmen zehn Krankenschwestern, die zukünftig eine leitende Position an der Universität Tongji übernehmen sollen, und zehn Ärzte aus verschiedenen Fachgebieten an der Fortbildung teil. Alle Teilnehmer äußerten sich im Nachgang äußerst positiv über diesen intensive Austausch.
Zurzeit wird auch ein deutsch-chinesisches Krankenhaus in Pudong geplant. Dieses Projekt wird überwiegend von Siemens geleitet. Auch hier soll zukünftig durch intensiven medizinischen Expertenaustausch medizinische Expertise und Know-how vermittelt werden, das die chinesischen Partner in ihrem Land einsetzen können. Durch diesen Wissenstransfer ergeben sich viele Vorteile für beide Länder. Wir können also nach Abschluss der ersten Austauschprogramme und Kooperationen eine positive Bilanz ziehen.
Redaktion: Konnten Sie feststellen, in welchen medizinischen Bereichen in China, besonders auch in der Pathologie, ein Nachholbedarf besteht? Oder wo und wie Deutschland von chinesischen Strukturen und Entwicklungen lernen kann?
Dietel: Wir haben im Rahmen der Regierungskonsultationen, während des Besuchs des chinesischen Ministerpräsidenten Wen Jiabao in Berlin im Juni 2011, einen Vertrag für ein zweites Projekt in der Stadt Wuxi bei Shanghai unterschrieben. Dort ist geplant, ein großes Institut für Pathologie aufzubauen, das eine Art Kopie der Pathologie in Berlin darstellt. Vor einigen Tagen haben wir den Grundriss erhalten und können nun mit der Planung beginnen. Damit ist auch ein konkreter Ausbildungsauftrag verbunden.
Pathologen in China können oftmals alle pathologisch-histologischen Untersuchungen durchführen, im Bereich der speziellen Tumorpathologie, der Immunpathologie und der molekularen Pathologie soll das Wissen unserer Kollegen noch verbessert werden. In den nächsten Jahren bis 2014 soll zudem ein großes zentrales Krankenhaus in Wuxi gebaut werden, in dem die Pathologie als eine wesentliche diagnostische Fachdisziplin, die sechs großen Krankenhäuser der Region versorgen soll.
Redaktion: Sie waren bereits maßgeblich an der Anpassung von zwei grundlegend verschiedenen Gesundheitssystemen in Deutschland nach dem Mauerfall beteiligt. Inwieweit helfen Ihnen diese Erfahrungen, um die Strukturen des chinesischen Gesundheitssystems und dessen Fortschritte bewerten zu können?
Dietel: Die Strukturen des chinesischen Gesundheitssystems unterscheiden sich aus unserer Sicht grundlegend von dem deutschen System. Beispielsweise ist die Bezahlung der Behandlung durch Patienten sowie das Entgelt für die Ärzte anders organisiert, hinzu kommt das in verschiedenen Teilen Chinas die Systeme recht heterogen geregelt sind. In den letzten zehn Jahren konnten wir aber bemerkenswerte Fortschritte des Krankenversicherungssystems in China beobachten. Die Anzahl der versicherten Chinesen ist exorbitant gestiegen.
Grundsätzlich orientieren sich diese Entwicklungen an den Strukturen in Deutschland, sodass zukünftig eine gute gesundheitliche Grundversorgung für jeden Chinesen möglich werden sollte. Das ist als Stabilisierung des Medizinsystems äußerst positiv zu bewerten. Im Zuge dessen plant die chinesische Regierung dem medizinischen Themenfeld in den nächsten Jahren eine größere Bedeutung beizumessen und zahlreiche Krankenhäuser zu bauen. Das ist lange Zeit vernachlässigt worden und stellt eine große soziale Herausforderung für das Gesamtsystem dar.
Redaktion: Bei gleichzeitigem Wachstum des medizinischen Marktes in China, scheint es noch zahlreiche Lücken, gerade in großen, aufstrebenden Städten wie Chongqing, in der Krankenhausversorgung zu geben. Welche Chancen haben deutsche Medizintechnikfirmen, um bei dieser Aufbauarbeit mitzuhelfen?
Dietel: Das Image der deutschen Medizin und der deutschen Firmen ist in China insgesamt sehr gut. Viele städtische Regierungen und Provinzregierungen, mit denen wir Kontakt aufgenommen haben, sind sehr an einer deutschen Beteiligung und Führung im Rahmen des Aufbaus von Krankenhäusern interessiert.
Zahlreiche Schwierigkeiten ergeben sich jedoch durch ein wenig koordiniertes und vernetztes deutsches Angebot vor Ort. Das bedeutet, dass es deutsche Firmen nur bedingt schaffen, Konsortien zu bilden und ein einheitliches Auftreten der deutschen Medizin, Medizinwirtschaft, der Technik und des Managements in China in einer großen Organisation darzustellen. Von deutscher Seite fehlt eine Zusammenführung der Aktivitäten, die zu intensivieren persönlichen Kontakten führen würde. Wie alle wissen, ist dies in China sehr wichtig. Deutsche Unternehmen könnten wesentlich mehr erreichen, wenn die chinesische Krankenhausadministration und die medizinischen Kollegen eine direkte Anlaufstelle hätten, die dann die Kontakte nach Deutschland herstellt. Die G-S-HCG möchte diese Lücke schließen und befindet sich auf einem guten Weg. Wir werden aber die bisherigen Anstrengungen weiter intensivieren müssen.
Redaktion: Ergeben sich Dienstleistungen und Produkte, die in dieser Phase der rasanten Entwicklung des chinesischen Medizinmarktes besonders gefragt sind?
Dietel: Grundsätzlich sind eine Vielzahl an Management-bezogenen Dienstleistungen und medizinischen Produkten für den Gesundheitsmarkt gefragt. Generell bedarf die gesamte klassische Versorgung, die innere Medizin, Chirurgie, Diagnostik etc., die wir seit langem in deutschen Krankenhäusern etabliert haben, noch weiterer Förderung und genuine Adaption vor Ort. Das gilt besonders für den westlichen Teil Chinas und die ländlichen Gebiete. Es betrifft also nicht nur die großen Städte wie Shanghai, Peking und Chonghing, sondern auch die mittleren und kleineren Provinzstädte, die mittlerweile bereits auf eine Größe von ein bis zwei Millionen Einwohnern gewachsen sind. Im Rahmen der zunehmenden Überalterung Chinas steht auch das Thema Rehabilitation immer häufiger auf der Agenda.
Redaktion: Ein Ausblick: Wie sieht die Planung des Engagements in beiden Ländern, besonders der G-S-HCG in den nächsten Jahren aus?
Dietel: Wir haben zur NDRC-ICC in China, das “international communication centre“, sehr intensive persönliche Verbindungen aufgebaut, die wir weiter ausbauen möchten. Herr Zhang, Vicedirektor der NDRC-ICC, ist unser Ansprechpartner und hat sich sehr um einen engen Austausch verdient gemacht. Mittlerweile ist die G-S-HCG in mehrere Krankenhausprojekte eingebunden. Die ersten Planungen nehmen bereits konkrete Formen an. Die chinesische Zentrale, die NDRC-ICC, unterstützt und fördert das Engagement intensiv und wir sind optimistisch, dass es in den nächsten drei bis vier Jahren zu weiteren Vertragsabschlüssen kommen wird. Die Chancen und Perspektiven der deutschen Unternehmen in China sind aufgrund des großen medizinischen Bedarfs langfristig sehr gut.












