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„Ziel ist es, die Problemlösefähigkeit des Erkrankten zu fördern“

„Ziel ist es, die Problemlösefähigkeit des Erkrankten zu fördern“

Foto: Bild einer lächelnden Frau in schwarzweiß

Nur wer zäh ist und sich schnell in wechselnde Situationen einfühlen kann, wird auf Dauer ein guter Lehrer sein. Doch gerade ihr großes Engagement wird vielen Pädagogen zum Verhängnis. Denn Anerkennung ernten sie dafür selten. MEDICA.de sprach mit Diplompädagogin Stefanie Morgenroth von der Universität Wuppertal, die unter anderem zum Thema Burn-out forscht.

MEDICA.de: Stress bei Lehrern wird weltweit thematisiert. Burn-out und eine frühe Pensionierung können die Folge von zu viel Stress sein. Warum leidet besonders diese Berufsgruppe unter Stress und wie reagieren die Lehrkräfte darauf?

Stefanie Morgenroth: Der Lehrerberuf zählt zu den „helfenden“ Berufen, in denen man viel mit anderen Menschen agieren muss, wie es zum Beispiel auch bei Pflegern oder Krankenschwestern der Fall ist. In diesem Beruf muss man also viel auf andere Menschen eingehen. Lehrer müssen eine Menge Ressourcen investieren und erhalten im Gegenzug nicht immer die Gelegenheit diese Ressourcen zu erneuern. Oftmals fehlt es an der gewünschten Anerkennung für ihren Beruf durch die Gesellschaft. Der Lehrerberuf gilt in der Regel trotz einer wöchentlichen Arbeitszeit von bis zu 51 Stunden als Halbtagsjob. Hinzu kommt gelegentlich eine mangelnde Akzeptanz vonseiten der Schüler, Eltern oder Kollegen. Ein weiterer Grund für die Gefahr von Burn-out bei Lehrer sind steigende soziale Anforderungen, denen viele Lehrkräfte nicht gewachsen sind. Darüber hinaus sind Lehrer von stetigen strukturellen Veränderungen betroffen. Dazu zählen beispielsweise Änderungen von Lehrplänen durch das Schulministerium. Für eine erfolgreiche Implementierung dieser Neuerungen bedarf es an einer veränderten Verhaltensweise von Lehrkräften, da die Realisierung nicht nur eine individuelle, sondern gemeinsame Aufgabe der Schule ist. Erkenntnisse der Schulentwicklungsforschung zeigen, dass die Lehrerkooperation zentral für den erfolgreichen Umsetzungsprozess ist. Dies widerspricht jedoch den alten Strukturen und der Annahme des Autorität-Paritätsmusters. Dies beschreibt die Annahme, dass der Lehrer allein für seinen Unterricht verantwortlich ist, in den sich keiner einmischen darf, und dass alle Lehrer gleichzubehandeln seien. Kann ein Lehrer sich von dieser Vorstellung nicht lösen und Veränderungen annehmen, dann widerstrebt es ihm zum Beispiel zu kooperieren. Nicht weil er generell die Kooperation verweigern will, sondern, weil er nicht weiß, welche Schritte zu gehen sind, um erfolgreich zu kooperieren.

MEDICA.de: Eine innere Hemmschwelle hindert den Menschen also, diesen letzten Schritt zu gehen?

Morgenroth: Richtig. Darüber hinaus ist es eine Mehrarbeit, die von den Lehrern erbracht werden muss. Die Anforderungen werden immer mehr, die Vorgaben vom Ministerium müssen umgesetzt werden. Gleichzeitig wird die Stundenanzahl, die für diese Arbeiten benötigt werden, nicht gewährt. Es werden auch kaum neue Lehrer eingestellt, die eine Entlastung bewirken könnten. Damit müssen die Menschen in diesem Beruf umgehen und das führt zu Stress. Untereinander zu kooperieren ist deshalb eigentlich ein wichtiger und richtiger Schritt, gerade um Innovationen umzusetzen. Man würde sich Zeit sparen, da man Hilfe von seinen Kollegen bekommt. Das kann zum Beispiel so aussehen, dass man sich Tipps und Hilfe für den Unterricht bei Kollegen holt, indem man einfach mit in deren Unterricht hineingeht. Das kann helfen, die eigene Mehrbelastung abzufangen, da nicht jeder Einzelne für sich nach Lösungen zur Umsetzung einer Innovation suchen muss.

 
 


 
 

MEDICA.de: Welche Folgen für die Gesundheit hat die dauernde Überbelastung?

Morgenroth: Es zeigen sich Anzeichen für Erschöpfung. Man ist müde, kann aber kaum noch schlafen. Es kommt zu einer großen Unlust, man zieht sich von sozialen Aktivitäten zurück und kann sich auf der Arbeit kaum konzentrieren. Man fühlt sich schlicht überfordert.

MEDICA.de: Welche Maßnahmen können präventiv ergriffen werden, wenn man zum Beispiel weiß, dass es zu Neuerungen kommt?

Morgenroth: Wichtig zu wissen ist, dass Stress nicht nur auf das Individuum bezogen betrachtet werden sollte, sondern auch die Umwelt mit einzubeziehen ist. Dieser ressourcentheoretische Ansatz1 beschreibt Stress als eine Veränderung oder Bedrohung des Ressourcenbestandes. Ein kontinuierlicher Verlust an Ressourcen führt letztlich zu Burn-out. Man kann sich das als eine Gewinn- und Verlust-Spirale vorstellen, bei der ein Lehrer zum Beispiel durch die Mehrbelastung immer mehr Ressourcen verliert. Durch adaptive Copingprozesse kann man aber interagieren, sodass man wieder mehr Ressourcen gewinnt – und so das Wohlbefinden steigert. Aktiv-prosoziale Stressbewältigungsstrategien dienen der Stressminderung und können je nach Individuum ganz unterschiedlich aussehen. Dazu kann eben zählen, dass man sich bewusst Unterstützung sucht.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist die sogenannte Selbstwirksamkeit. Sie beschreibt das Bewusstsein dafür, dass man sich kompetent fühlt, eine Situation, die man sich vorgenommen hat, meistern zu können. Letztlich beeinflusst sie auch den Prozess, ob sich jemand traut auf einen anderen zuzugehen, auch um sich Hilfe zu holen. Dies kann jedoch nur jemand leisten, der sich kompetent fühlt, auch wenn er mal einen Fehler oder eine Schwäche zugibt. Doch es gilt zu beachten, dass soziale Unterstützung auf Personen mit Selbstwirksamkeit auch hemmend wirken kann, da es möglicherweise das Autonomiegefühl untergräbt. Also profitieren eher Menschen mit wenig Selbstwirksamkeit von sozialer Unterstützung – doch bitten genau diese kaum darum. Generell sollte man Hilfe deshalb so gewähren, dass trotz Unterstützung das Autonomiegefühl erhalten bleibt.

MEDICA.de: Fehler zugeben und Schwäche zeigen können die Personen, die an einem Burn-out erkranken, leider nur selten. Wie kann man also jemandem helfen, der bereits erkrankt ist?

Morgenroth: Grundsätzlich hängt dies von der Schwere der Erkrankung ab. Bemerkt man als Kollege oder Angehöriger, dass sich jemand immer weiter zurückzieht, und öfter als gewohnt mit Dingen überfordert ist, hilft es den ersten Schritt zu machen und auf den Anderen zuzugehen. Ziel ist es die Problemlösefähigkeit des Erkrankten zu fördern, damit eine konstruktive Verhaltensänderung möglich wird. Damit ein sensibles Gespräch gelingt, empfiehlt sich das sogenannte aktive Zuhören, bei dem Du-Botschaften vermieden und Gefühle aus der Ich-Perspektive an den Erkrankten gesendet werden. Hierbei verspürt der Betroffene die notwendige Akzeptanz der eigenen Person. Sind bereits klare Anzeichen für eine Burn-out-Erkrankung erkennbar sollte zusätzliche fachmännische Hilfe gesucht werden.

MEDICA.de: In Deutschland werden derzeit vermehrt Ganztagsschulen gefordert, die in anderen Ländern, zum Beispiel Frankreich, bereits fest etabliert sind. Gibt es Studien aus anderen Ländern, von denen die Deutschen lernen könnten, welche Stressbewältigungsprogramme besonders geeignet für die Lehrer wären?

Morgenroth: Der erste wissenschaftliche Artikel zu Burn-out kommt aus Amerika. Und auch die erste praxisorientierte Untersuchung zu Burn-out wurde durch eine Amerikanerin veröffentlicht. Ein reger internationaler Austausch von Konzepten zu Stress ist durchaus vorhanden. Ein konkretes Stressbewältigungsprogramm auf die deutsche Kultur zu übertragen ist jedoch nicht so einfach. Wie bereits erwähnt ist die Stressbewältigung immer auch mit dem Verhalten von Personen verbunden, welches wiederum durch die Kultur des jeweiligen Landes beeinflusst wird.

MEDICA.de: Welchen Tipp können Sie geben, um Stress besser bewältigen zu können?

Morgenroth: Man sollte versuchen seinen Ressourcenhaushalt ausgeglichen zu halten und sich bereits vor dem stressreichen Ereignis so viele Ressourcen wie möglich zu sichern. Das kann bedeuten sich Pausen zu gönnen, in sich hineinzuhören, ob einem etwas zu viel wird – und als Konsequenz auch einmal „Nein“ zu sagen, um sich nicht zu viel vorzunehmen.

 
 

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de


Quellen:

1: nach Stevan Hobfoll und Petra Buchwald

 
 

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