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„Wir bieten traumatisierten Frauen eine ganzheitliche Unterstützung an“

Sexualisierte Kriegsgewalt: „Wir bieten traumatisierten Frauen eine ganzheitliche Unterstützung an“

22.12.2011

Monika Hauser

© Rendel Freude - medica mondiale

Sexuelle Gewalt an Frauen ist ein Tabuthema in vielen Ländern auf der ganzen Welt. Vor allem in Kriegs- und Krisengebieten gehört Gewalt und Vergewaltigungen zur erschreckenden und traumatisierenden Alltagserfahrung von Frauen und Mädchen. Die Opfer werden in der Gesellschaft ignoriert und finden kaum Unterstützung und Verständnis für ihre Situation.

MEDICA.de sprach mit der Gründerin von medica mondiale Frau Doktor Monika Hauser über die Schwierigkeiten und Hürden, mit denen Ärztinnen und Beraterinnen jeden Tag zu kämpfen haben, über zahlreiche Erfolge der Organisation und aktuelle Vorhaben.


MEDICA.de: Frau Dr. Hauser, Sie haben zunächst „Medica Zenica“ in Bosnien-Herzegowina gegründet. Seitdem hat sich die Organisation zur internationalen medica mondiale entwickelt und setzt sich seit fast 20 Jahren weltweit für Frauen und Mädchen, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden, ein. Wie kamen Sie auf die Idee, eine solche Organisation zu gründen?

Monika Hauser: 1992 habe ich die Medienberichterstattung über den Bosnienkrieg intensiv verfolgt. Da ich als angehende Gynäkologin mit Frauen, die Überlebende von sexualisierter Gewalt sind, gearbeitet habe, wurde mir schnell klar, dass diese Frauen in Bosnien ganz konkrete Unterstützung brauchen.

Ich begab mich also auf die Suche nach einer internationalen Organisation, die sich für diese Frauen einsetzt, eine solche gab es aber nicht. Daher beschloss ich selbst etwas ganz Konkretes für die traumatisierten Frauen aufzubauen.

MEDICA.de: In einem Kriegs- oder Krisengebiet zu arbeiten, erfordert sowohl Durchsetzungs- als auch Durchhaltevermögen. Wie schaffen Sie es in einem vom Krieg gezeichneten Land, Fuß zu fassen und betroffene Frauen vor Ort von Ihrer Arbeit zu überzeugen?

Hauser: Vergewaltigte Frauen bekommen keine Unterstützung und man spricht auch nicht über dieses Thema – das ist das erste Problem. Die Ausgrenzung der betroffenen Frauen und derer, die sie unterstützen wollen, gehört nicht nur in den Krisengebieten zur Tagesordnung.

Deswegen arbeiten wir immer mit einheimischen Fachfrauen zusammen, die ihre Kultur und die nationalen Systeme bestens kennen. In Bosnien haben wir es gemeinsam geschafft, bürokratische Hürden zu überwinden. In einem ehemaligen Kindergarten der Stadt konnten wir einen gynäkologischen OP-Saal einbauen sowie therapeutische Wohnräume einrichten.

Mit viel Geduld und Ausdauer gelingt es , die Fachkräfte vor Ort zu finden, um dann über Jahre gemeinsam nachhaltige Strukturen aufzubauen. Wir müssen allerdings täglich mit Widerstand bei unserer Arbeit rechnen.

 
 
Foto: Kongolesische Näherinnen

medica mondiale unterstützt Frauen mit erwerbsfördernden Maßnahmen, damit sie eigenständig ihren Lebensunterhalt sichern können;© Cornelia Suhan - medica mondiale

MEDICA.de: Sowohl ärztliche und als auch psychosoziale Unterstützung sind Grundbestandteile ihrer Arbeit in den betroffenen Ländern. Wie darf man sich Ihre Aktivitäten konkret vorstellen?

Hauser: Wir bieten Frauen eine möglichst ganzheitliche Unterstützung an – von psychologischer Beratung über medizinische Versorgung bis hin zur wirtschaftlich-sozialen und juristischen Hilfen.

Mit Medica Zenica haben wir während des Krieges ein Therapiezentrum mit einer gynäkologischen Ambulanz und einer psychologischen Beratungsstelle aufgebaut, in der Frauen und Mädchen gleichzeitig auch leben konnten. Dabei war es wichtig, dass das Fachpersonal selbst sensibilisiert ist und die Lage der Frauen versteht. Bei vielen vergewaltigten Frauen sind die traumatischen Erlebnisse so stark eingeprägt, dass beispielsweise eine gynäkologische Untersuchung nicht möglich ist. Daher war es nötig, Konzepte und Strategien zu entwickeln, wie wir die Betroffene unterstützen können.

Frauen, die geschlechtsspezifische Menschenrechtsverletzungen überlebt haben, müssen wieder ins Leben zurückkehren können. Wir schaffen für sie daher auch eine wirtschaftliche Grundlage, zum Beispiel führten wir im Kosovo mit den Frauen ein landwirtschaftliches Projekt durch.

MEDICA.de: Inzwischen leiten Sie zahlreiche internationale Projekte. In welchen Ländern sind Sie mittlerweile überall vertreten?

Hauser: Seit 1993 haben wir Frauen und Mädchen in mehr als zwanzig verschiedenen Ländern unterstützt – einerseits mit eigenen Projekten, andererseits mit Partnerorganisationen vor Ort. Mittlerweile sind einige unserer Projekte selbstständig geworden, wie in Bosnien, Kosovo oder Albanien. Seit Anfang dieses Jahres ist auch das Projekt in Afghanistan selbstständig und wird von einheimischen Kolleginnen vor Ort geleitet. Wir unterstützen sie natürlich weiterhin und machen gemeinsame Facharbeit. In Afghanistan sorgen wir vor allem für juristische Hilfe für die von sexualisierter Gewalt betroffenen Frauen. In den neun Jahren unserer Arbeit in diesem Land haben wir über zweitausend Frauen und Mädchen aus den Gefängnissen frei bekommen, die dort wegen sogenannter moralischer Verbrechen festgehalten wurden – gemeint ist etwa der Vorwurf des Ehebruchs oder das Weglaufen von zuhause.

Aktuell bauen wir das Projekt in Liberia auf. Außerdem kooperieren wir zurzeit mit Projektpartnerinnen weltweit, vor allem im Osten der DR Kongo und in Uganda.

 
 

MEDICA.de: Der Hauptsitz von medica mondiale ist in Köln. Welche Funktionen erfüllen ihre Mitarbeiterinnen in Deutschland?

Hauser: Von Köln aus kümmern wir uns um die Organisationsentwicklung der Projekte in anderen Ländern und die fachliche Qualifizierung der Kolleginnen.

Außerdem setzen wir uns für Menschenrechtsarbeit in Berlin und Brüssel ein und werten die Arbeit der vielen Jahre immer wieder aus, um Fachstandards zu entwickeln.

Auch die Aufklärungsarbeit ist ein wichtiger Aspekt unserer Arbeit in Köln. medica mondiale klärt über die Ursachen und Hintergründe weltweiter sexualisierter Kriegsgewalt auf und fordert eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Thema.

MEDICA.de: Welche Ziele haben Sie sich für die Zukunft gesetzt?

Hauser: : Wir möchten das Projekt in Liberia, das wir seit fünf Jahren aufbauen, in die Unabhängigkeit führen. Gleichzeitig wollen wir Strategien entwickeln, um noch mehr Multiplikationsarbeit machen zu können. Wir beabsichtigen so lokale Frauenorganisationen weiterhin zu unterstützen und ihnen zum Beispiel Fachtrainings anzubieten. Auf diese Weise können mehr Fachfrauen auf fundiertes Wissen zurückgreifen und traumatisierte Frauen und Mädchen entsprechend gut begleiten. Was aber immer ein Ziel von medica mondiale bleiben wird, ist unser politischer Kampf für mehr Gerechtigkeit für Frauen.

MEDICA.de: Verraten Sie uns noch abschließend, was Sie in diesem Jahr bei Ihrer Arbeit besonders berührt hat?

Hauser: Am meisten freut es mich, dass das afghanische Projekt selbstständig geworden ist. 70 afghanische Kolleginnen arbeiten dort unter schwierigsten Sicherheitsbedingungen und managen ihre Arbeit nun selbst – das ist etwas, was mich sehr berührt.

Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
MEDICA.de