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Die Lust am Essen wieder zulassen

Thema des Monats Januar: Ernährung als Therapie

 
 

Die Lust am Essen wieder zulassen

Foto: Figur vor dem Spiegel

Die Körperwahrnehmung der Pati-
enten ist gestört. Wo kaum noch
ein Gramm Fett vorhanden ist,
werden immer noch Problem-
zonen ausgemacht; © panther-
media.net/Cliff Blank

Menschen, die das Krankheitsbild einer Magersucht entwickeln, werden im Laufe der Zeit regelrechte Hungerkünstler. So wird das normale Essen zunächst reduziert, später dann fast komplett eingestellt – willentlich, ohne dass eine körperliche Ursache vorliegt. In extremen Fällen versuchen die Betroffenen sogar ihren Magen mit füllenden, unverdaulichen Gegenständen ruhig zu stellen, etwa mit in Orangensaft getränkten Wattebäuschen. Bis selbst der Laie erkennt, dass eine behandlungsbedürftige Essstörung besteht, kann einige Zeit vergehen und auch für den Arzt ist die Diagnose besonders zu Anfang schwierig. Zum einen, weil es selten geworden ist, dass Patienten regelmäßig ihren Hausarzt aufsuchen, sodass eine starke Gewichtsabnahme häufig unbemerkt erfolgen kann, zum anderen, weil die Betroffenen selten äußern, dass eine gezielte Nahrungsverweigerung zum Gewichtsverlust führte. Aus diesem Grund behandeln Hausärzte häufig Symptome einer Magersucht, etwa ein schwaches Immunsystem oder niedrigen Blutdruck, ohne die wirkliche Ursache zu erkennen. Dies führt auch schon mal zu Fehleinschätzungen, wie eine Magersüchtige in ihrem ProAna-Blog* erfreut berichtet: Ihr Arzt habe ihr empfohlen aufgrund des schwächelnden Immunsystems mehr Ausdauersport zu betreiben. Nach Ansicht des Mädchens also ein Freibrief auf Anraten des Arztes noch mehr Gewicht durch Sport zu verlieren.

Nicht nur das Gewicht ist ausschlaggebend

Doch wie wird die Diagnose Magersucht gestellt, welche nicht zu übersehenden Anzeichen gibt es? Doktor Katrin Imbierowicz von der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie der Universität Bonn betreut Magersuchtpatienten und betont, dass es das eine Diagnosekriterium, wie etwas das Gewicht, für diese Patienten nicht gibt: „Ab wann Magersucht therapiert werden muss, kann man nicht nur allein am Gewicht festmachen. Es heißt zwar in der ICD (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems), ab einem BMI von unter 17,5 liegt das Vollbild einer Magersucht vor, doch es gibt durchaus Patienten, die bereits vor Erreichen dieser BMI-Marke ein deutlich anorektisches Essverhalten zeigen. Das heißt, sie beschäftigen sich den ganzen Tag mit dem Thema Gewicht und hungern entsprechend. Diese Personen sind natürlich behandlungsbedürftig, denn gerade Essstörungen haben eine starke Tendenz zur Chronifizierung und sollten deshalb möglichst früh behandelt werden.“

Jedoch ist gerade der frühe Einstieg in die Therapie oftmals kaum möglich, da die Betroffenen ihre Erkrankung zum einen vor ihrer Umwelt verstecken und zum anderen gerade zu Beginn der Erkrankung kaum behandelt werden wollen.

 
 
Foto: Teller mit Petersilie

Die Patienten essen kaum noch etwas; © panthermedia.net/Anastasia Fisechko

Körper und Psyche müssen wieder in Einklang gebracht werden

Was genau sieht der Therapieplan zur Behandlung einer Anorexia nervosa vor? Auch hier muss man laut Doktor Imbierowicz wieder den individuellen Patienten betrachten. Die Therapie beginnt damit, die Patienten körperlich wieder zu stabilisieren: „Ein Ernährungsplan wird individuell für den Patienten angefertigt. Dafür erstellen wir von jedem Patienten zunächst ein Essprotokoll, um uns einen Überblick verschaffen zu können, wie die aktuelle Ernährungssituation aussieht und welche Nahrungsmittel überhaupt noch gegessen werden. Dabei fällt in der Regel auf, dass fett- und kohlenhydratreiche Nahrungsmittel gemieden werden. Unser erstes Ziel ist es deshalb, den Speiseplan wieder zu normalisieren, also alle Lebensmittelgruppen wieder in die tägliche Ernährung mit einzubeziehen. Das zweite Ziel ist dann, die Patienten dazu zu bewegen überhaupt wieder regelmäßig zu essen – also drei Hauptmahlzeiten und zwei Nebenmahlzeiten einzunehmen.“ Letzteres findet unter therapeutischer Begleitung statt, wobei sich auch das Gruppenkochen – also das Zurichten der Speisen durch die Patienten – als wichtig erwiesen hat.

Es gilt also den Patienten da abzuholen, wo er steht, um realistische Therapieziele festlegen zu können. Damit dies erreicht werden kann, werden zwischen den Patienten und den Therapeuten auch Verträge geschlossen. Diese beinhalten eine bestimmte Zunahme an Gewicht in der Woche, meist um die 500 Gramm, die etwa eingehalten werden muss um bestimmte Vergünstigungen, zum Beispiel eine Wochenendfahrt nach Hause, zu erhalten. Für die meisten Magersüchtigen ist dieser Schritt hin zur Gewichtszunahme jedoch sehr schwer, weshalb laut Imbierowicz an diesem Punkt die meisten Therapieabbrüche stattfinden.

 
 

    Mögliche psychische Faktoren für die Entstehung einer Anorexia nervosa können sein:
  • Depression
  • (wiederholter) sexueller Missbrauch
  • Überangepasstes Sozialverhalten / keine Kenntnisse über die eigenen Bedürfnisse

  • Folgende familiäre Ursachen können ebenfalls vorliegen:
  • Alkoholismus in der Familie
  • Auftreten von affektiven Störungen innerhalb der Familie
  • „Gluckenkomplex“, die Familie wacht sehr stark über ihren Nachwuchs
  • Konflikte mit den Eltern

 
 

Bleiben die Patienten am Ball, stehen Gespräche während der Gruppentherapie sowie Einzelgespräche mit betreuenden Psychologen an. So können zum Beispiel Körperwahrnehmungsstörungen, die Patienten empfinden sich bekanntlich als viel zu dick, auch wenn der Spiegel ein anderes Bild zeigt, besprochen und auf ein realistischeres Selbstbild hingearbeitet werden.

Eine universelle Therapie ist jedoch noch nicht gefunden und leider kann nicht allen Betroffenen geholfen werden, sodass es auch weiterhin Todesfälle zu beklagen gibt. Forschungsprojekte sind deshalb weiterhin nötig. Eine Studie, die derzeit durchgeführt wird, betreut von der Universität Heidelberg, setzt zum Beispiel auf ein systematisches Training von flexiblem Verhalten, um dauerhafte Verhaltensänderungen zu begünstigen. Ob dies gelingen kann, wird die Zukunft zeigen. Eins ist jedoch sicher: Magersucht ist eine tückische und schwere Erkrankung, die einer sehr langen Behandlung bedarf. Ärzte, Therapeuten und Patienten müssen deshalb einen langen Atem haben.

Simone Ernst
MEDICA.de

 
 

*Pro-Ana steht für Pro Anorexia, einer Bewegung meist junger Mädchen, welche die Magersucht personifizieren und nach Anas Geboten (z. B. Brief von Ana) leben. Auf den Websites finden sich zumeist auch BMI-Rechner und sogenannte Thinspirations-Bilder, also Bilder extrem dünner Menschen, zumeist Prominente. Häufig werden diese sogar künstlich nachbearbeitet, um noch schlanker zu wirken.

 
 

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