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„Krebspatienten leiden häufig an großer Müdigkeit"

Fatigue: „Krebspatienten leiden häufig an großer Müdigkeit"

01/23/2012

Foto: Susanne Singer

Doktor Susanne Singer; © privat

Lähmende Müdigkeit ist wohl einem jedem schon einmal im Leben begegnet. Meist versucht man für dieses Befinden eine harmlose Begründung zu finden: das Wetter, die Jahreszeit oder eine schlaflose Nacht. Chronische Müdigkeit, das Fatigue-Syndrom, ist jedoch ein krankhafter Zustand, den man durchaus ernst nehmen sollte.

MEDICA.de sprach mit Privatdozentin Susanne Singer, Mitarbeiterin der Abteilung für Medizinische Psychologie und Soziologie am Universitätsklinikum Leipzig, über die Erschöpfung, die das normale Maß an Müdigkeit übersteigt. Vor allem aber über die neue Studie zu Krebspatienten, die unter diesem Syndrom vielfach zu leiden haben.


MEDICA.de: Frau Dr. Singer, wie unterscheidet sich das Fatigue-Syndrom von normaler Müdigkeit und Kraftlosigkeit?

Susanne Singer: Übersetzt bedeutet das Wort „Fatigue“ einfach Müdigkeit. Sprechen wir vom Fatigue-Syndrom, dann ist eine Erschöpfung gemeint, die das normale Maß an Müdigkeit übertrifft. Ein Patient, der an einem Fatigue-Syndrom leidet, verspürt eine Erschöpfung, die nicht der Anstrengung, der er gerade ausgesetzt war, entspricht. Beispielsweise wacht er nach einer durchgeschlafenen Nacht völlig ermüdet auf oder ist nach kurzem Treppensteigen sehr schnell kraftlos.

MEDICA.de: Etwa 40 Prozent aller Krebspatienten leiden unter dem Fatigue-Syndrom, welche Auslöser sind dafür verantwortlich?

Singer: Im Moment wissen wir noch nicht genau, welche konkreten Auslöser für das Fatigue-Syndrom verantwortlich sind. Anhand der Unterschiede in der Häufigkeit des Auftretens des Syndroms kann man aber vermutliche Auslöser erkennen. Zum Beispiel leiden Patienten, die eine Chemo- oder Strahlentherapie durchlaufen haben, deutlich häufiger am Fatigue-Syndrom als andere Patienten.

Jedoch auch nach einer Operation kann ein Patient stark unter Fatigue leiden. Laut unserer Studie leiden am Ende eines Krankenhausaufenthaltes 40 Prozent der Krebspatienten unter erhöhter Fatigue. Die Patienten, die mit einer Chemotherapie behandelt wurden, leiden zu 66 Prozent darunter.

 
 
Foto: Schlafender Mann im Bett

Ein Patient, der an einem Fatigue-Syndrom leidet, verspürt eine Erschöpfung, die nicht der Anstrengung, der er gerade ausgesetzt war, entspricht; © panthermedia.net/claude belanger

MEDICA.de: Gibt es weitere Krebstherapien, die dafür bekannt sind, dass Patienten ein Fatigue-Syndrom entwickeln?

Singer: Im Anschluss an eine Chemotherapie leiden die Patienten laut unserer Studie besonders häufig unter Fatigue. Im Laufe der Zeit nimmt die Erschöpfung jedoch ab – etwa nach einem halben Jahr nach der Diagnose. Bei Patienten, die mit Bestrahlung oder mit einer Kombination aus Bestrahlung und Chemotherapie behandelt wurden, verläuft das Syndrom konstanter und länger im Vergleich zu der ersten Gruppe.

Allerdings ist die Krebserkrankung selbst auch oft der Auslöser für das Fatigue-Syndrom.

MEDICA.de: Sie erwähnten soeben Ihre Studie über das Fatigue-Syndrom bei Patienten mit Krebserkrankungen. Wie lief diese Studie ab?

Singer: Wir haben Krebspatienten am Anfang ihres Krankenhausaufenthalts und ihrer Krebstherapie befragt, wie sie sich bei verschiedenen Tätigkeiten fühlen und wie sehr sie sich noch konzentrieren können. Das Fatigue-Syndrom umfasst nämlich nicht nur körperliche, sondern auch psychische und geistige Erschöpfung. Später befragten wir dieselben Patienten am Ende des Krankenhausaufenthaltes noch einmal. Danach befragten wir sie nach einem halben Jahr wieder. Insgesamt nahmen mehr als 1500 Patienten an der Studie teil.

Die Ergebnisse der Befragungen haben wir anschließend mit dem Erschöpfungsniveau gesunder Menschen im Alltag verglichen. Dies ist auch das Besondere an unserer Studie.

MEDICA.de: Zu welchen neuen Erkenntnissen sind Sie dabei gekommen?

Singer: Wir haben herausgefunden, dass jüngere Patienten deutlich häufiger an Fatigue leiden als ältere Menschen – im Vergleich zu den Gleichaltrigen.

 
 
Foto: Infusion

Laut der Studie leiden Patienten im Anschluss an eine Chemotherapie besonders häufig unter Fatigue; © panthermedia.net/Hariz Grahic

MEDICA.de: Sie stellten außerdem fest, dass die Fatigue-Thematik in den meisten Therapieplänen noch wenig Beachtung findet. Warum ist das so?

Singer: Vermutlich ist den Ärzten noch nicht hinreichend bekannt, wie viele Krebspatienten von dem Syndrom betroffen sind. Oft denkt man zuerst an Schmerzen im Zusammenhang mit einer Krebserkrankung. Als zweiter Grund könnte eine Rolle spielen, dass Patienten ihre Müdigkeit und Erschöpfung nicht als ein Syndrom wahrnehmen und dem Arzt deshalb nicht darüber berichten. Ein anderer Grund mag die Ratlosigkeit der Ärzte sein, da bis jetzt nicht immer klar ist, was eigentlich gegen diese starke Müdigkeit und Erschöpfung zu unternehmen ist. Wenn man nur wenig Hilfe anbieten kann, ist man vielleicht als Arzt dazu geneigt, dieses Syndrom bei dem Patienten nicht so genau abzufragen.

MEDICA.de: Welche Möglichkeiten bestehen, Ärzte über das Fatigue-Syndrom besser zu informieren und zu sensibilisieren?

Singer: Ich glaube, es hilft vor allem, in den Medien darüber zu informieren, damit auch der Allgemeinarzt und der onkologische Arzt in der Niederlassung auf das Syndrom aufmerksam werden. Nach dieser Studie haben wir natürlich auch unsere Ergebnisse in wissenschaftlichen Zeitschriften veröffentlicht und berichten darüber in Vorträgen. Es geht eben darum, viele Ärzte, Patienten und Angehörige darüber zu informieren und dem Syndrom eine größere Bedeutung im Alltag einzuräumen.

MEDICA.de: Wie wird sich zukünftig die Erforschung des Fatigue-Syndroms weiterentwickeln?

Singer: Das Fatigue-Syndrom ist mittlerweile auf großes Interesse in den Fachkreisen gestoßen. Im Zuge dessen wurde die Deutsche Fatigue Gesellschaft gegründet, die neben der Erforschung dieses Syndroms auch Gutachten für Patienten erstellt, die aufgrund des Syndroms nicht mehr arbeiten können.

Als nächstes steht an, herauszufinden, was man gegen das Fatigue-Syndrom unternehmen kann. Dazu gibt es teilweise gute Befunde. Bei Brustkrebspatienten beispielsweise hat man gesehen, dass moderate Bewegung wie Spazierengehen oder leichten Sport treiben hilft, Fatigue zu reduzieren.

Wir am Universitätsklinikum Leipzig möchten demnächst auch an anderen Patienten zum Beispiel mit hämatologischen Erkrankungen oder Darmkrebs, untersuchen, welche Möglichkeiten es gibt, das Fatigue-Syndrom zu bekämpfen. Dieses Projekt haben wir gerade beantragt und hoffen nun auf Förderung.

Das Interview führte Diana Posth.
MEDICA.de