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Alzheimer frühzeitig erkennen

Thema des Monats Februar: Neue diagnostische Verfahren

 
 

Alzheimer frühzeitig erkennen

Foto: Älterer Mann

Das Erkennen des frühen Stadiums
von Alzheimer weckt Hoffnungs-
schimmer;© panthermedia.net/
Scott Griessel

Vieles ist momentan in der Alzheimer-Diagnostik im Umbruch. Um diese spezielle Form der Demenz zu erkennen, steht heutzutage ein breites Spektrum an Verfahren zur Verfügung – und weitere werden hinzukommen: neue bildgebende Verfahren und biochemische Nachweismethoden wie Biomarker. Dass die Erkrankung hohes Forschungsinteresse weckt, erstaunt nicht, ist sie heute die häufigste Demenzform im Alter. Nach aktuellen Schätzungen leben in Deutschland derzeit etwa 1,3 Millionen Demenzkranke. Aufgrund der zunehmenden Überalterung der Gesellschaft wird bis 2040 ein deutlicher Anstieg der Patienten erwartet. Besonders in China sollen bis zu diesem Zeitpunkt etwa 26 Millionen Menschen an Demenz erkranken. Ähnliche Entwicklungen erwarten Wissenschaftler auch in anderen asiatischen und südamerikanischen Staaten. Einen Lösungsweg, die Krankheit zu stoppen oder zu verhindern, gibt es allerdings nach wie vor noch nicht.

Frühe diagnostische Verfahren – wozu?

Die Erforschung neuer diagnostischer Verfahren könnte zunächst als ein Widerspruch empfunden werden. Man mag sich fragen, was neue diagnostische Verfahren zu entwickeln denn nütze, wenn eine Heilung der Erkrankung aufgrund multifaktorieller Gründen in weite Ferne rückt? Doch eben das Erkennen des frühen Stadiums der Erkrankung weckt Hoffnungsschimmer – Medikamente können zum Beispiel das Fortschreiten im Anfangsstadium zumindest hinauszögern. Ein weiterer Grund: Allzu oft wird Alzheimer mit anderen Erkrankungen verwechselt, falsch behandelt oder gar nicht erst diagnostiziert. Hier reicht Grundlagendiagnostik häufig zu einer genauen Diagnose nicht aus.

Doktor Stefan Klöppel, Arzt am Freiburger Brain Imaging des Zentrums für Geriatrie und Gerontologie, forscht seit Langem an einer neuen Diagnosemethode. Er möchte mit seinem Team dieser Tendenz entgegenwirken, indem er das automatisierte Diagnoseverfahren für Demenzerkrankungen entwickelte. Dabei übernimmt die Interpretation routinemäßig erhobener MRT-Bilder nicht der Radiologe oder Neuroradiologe, sondern ein Computerprogramm, unter anderem aus folgendem Grund: „Aus unserer Studie mit allerdings stark vorselektierten Patienten ging hervor: Nur Radiologen, die auf Gedächtnissprechstunden spezialisiert sind, diagnostizieren genauso gut wie die automatische MRT-Diagnostik. Alle anderen Radiologen diagnostizierten Alzheimer schlechter,“ weiß Klöppel.

Das automatische MRT-Verfahren kann dann in die Praxis der niedergelassenen Ärzte übertragen werden. „Wenn ein Hausarzt den Verdacht hat, es könne sich bei einem Patienten um Demenz handeln, überweist er ihn an einen Radiologen. Die Rückmeldungen von vielen Radiologen bleiben relativ unspezifisch, da sie einfach weniger Erfahrung haben. Es wird zum Beispiel ein Verlust an Hirnvolumen beschrieben, ohne dass klar wird, ob der über alterstypische hinausgeht und einen Hinweis auf eine Erkrankung darstellt. Ein automatisches Diagnostikverfahren würde helfen, den Befund zu spezifizieren,“ erklärt Klöppel.

So haben Mediziner vielfach die Erfahrung gemacht, dass Menschen, bei denen erste kleine Verdachtsmomente bestehen, dringend um Aufklärung bitten. Sie möchten Gewissheit haben, um welche Krankheit es sich genau handelt. Das neu entwickelte Verfahren zur automatisierten Diagnose hilft dabei, schneller einen treffsicheren Befund zu erstellen. Ein Computerprogramm lernt anhand unterschiedlicher Atrophiemuster, zwischen einer Demenz und dem gesunden Alter zu unterscheiden. „Es vergleicht den Indexfall, den Patienten, der in die Gedächtnissprechstunde kommt, mit den Modellfällen“, erzählt Klöppel weiter.

 
 
Foto: Ärztin untersucht Röntgenbilder

Ein neues Computerverfahren könnte die Alzheimer-Diagnose beschleunigen und spezifizieren;
© panthermedia.net/joseelias

Diagnose der vielen Schritte

Weiterhin durchlaufen Patienten mit Alzheimer-Verdacht die klassische klinische Diagnose. Als erster Schritt ist die Eigenanamnese und Fremdeinschätzung durch einen Angehörigen zu nennen. In einem weiteren Schritt werden andere Erkrankungen ausgeschlossen, bevor eine bildgebende Untersuchung durchgeführt wird. Außerdem muss immer ein Testbefund ausgeführt werden, eine einfache Untersuchung von Hirnleistungsfunktionen, um einen Vergleich zur gesunden Durchschnittsbevölkerung herzustellen. Professor Supprian, Abteilungsarzt der Gerontopsychiatrie der LVR-Kliniken Düsseldorf, erklärt: „Die Demenzdiagnose setzt sich aus mehreren Bausteinen zusammen, der Anamnese, einer Untersuchung, neuropsychologischer Testung, Bildgebung und Laboruntersuchungen. Es gibt nicht ein einzelnes Verfahren, um eine Demenz festzustellen − insbesondere gibt es nicht einen einzelnen Laborparameter.“

Unterschiedliche Screeningtest sind Verfahren, die seit einiger Zeit in der Diagnostik von Alzheimer eingesetzt werden. Zukünftig sollen Neuentwicklungen wie neuropsychologische Tests, frühe Krankheitsstadien aber noch besser diagnostizieren können. „Hier in Deutschland ist die sogenannte CERAD-Testbatterie sehr gängig“, erzählt Supprian. „Es zeichnet sich ab, dass es bald weitere Tests geben wird, mit denen man frühe Stadien der Alzheimer-Demenz erfassen kann. Dazu gehören zum Beispiel der „California Verbal Learning Test (CVLT)“ oder der „Free and Cued Selective Reminding Test (FCSRT)“. Es sind vor allem Verfahren, die bisher nur im anglo-amerikanischen Raum eingesetzt wurden. In Deutschland werden gerade entsprechende Normen entwickelt. “

Dank des MRT-Verfahrens ist eine Hirnattrophie bereits seit einigen Jahren gut zu erkennen. Supprian gibt jedoch zu bedenken: „In frühen Stadien genügt ein normales MRT aber nicht. Hier kann eine Hippocampusvolumetrie von Nutzen sein. Zurzeit wird Software entwickelt, die automatisierte Hippocampusvolumetrien ermöglicht.“ Für diese Einschätzung spricht vor allem, dass oft die technischen Voraussetzungen bereits gegeben sind. Das Beispiel des automatisierten Diagnoseverfahrens der Forschungsgruppe aus Freiburg macht dies besonders deutlich.

Die Forschung eines Computerprogramms, das Alzheimer erkennt, rückt somit in greifbare Praxis-Nähe. Klöppel und sein Team räumen jedoch ein: „Bei der Anwendung des Verfahrens braucht man eine spezifische Fragestellung, zum Beispiel, handelt es sich um eine Alzheimerdemenz oder um gesundes Altern? Eine weitere Frage könnte sein: Ist es Alzheimer oder handelt es sich um eine Frontallappendemenz.“ Ohne konkrete ärztliche Einordnung lässt sich mit dieser Technik keine erfolgreiche Diagnose stellen.

Im Gegensatz dazu bleibt der Erfolg von Biomarkern bei der Alzheimerdiagnose nach Meinung vieler Experten trotz zahlreicher euphorischer Pressemeldungen zunächst der Forschung vorbehalten. Es ist eher unwahrscheinlich, dass Biomarker gängige Verfahren in den nächsten Jahren in der Routinediagnostik ablösen.

Welche neuen diagnostischen Techniken als Standardverfahren für die Alzheimer-Diagnose Einzug in die Praxis erhalten, wird sich zeigen. Vor allem sollen neue diagnostische Verfahren aber ein Ziel verfolgen – sie sollen einfacher und genauer werden. Für Supprian steht fest: „Künftig erscheint eine flächendeckende Versorgung mit dieser Untersuchungstechnik durchaus möglich. Ich rechne damit, dass es sich in den nächsten Jahren als gängiges Standardverfahren entwickelt.“

Diana Posth
MEDICA.de

 
 

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