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Die Genetik der Angst

Die Genetik der Angst

Eigentlich sind Furcht und Angst wichtige Komponenten menschlichen Verhaltens: Sie schützen vor Einflüssen oder Begegnungen, die unangenehm oder schädlich sein können. Menschen lernen im Laufe ihres Lebens, sich vor bestimmten Ereignissen zu fürchten und so gefährliche Situationen zu vermeiden.

Allerdings gibt es auch eine krankhafte Seite der Angst: „Angst wird dann pathologisch, wenn sie zu lange dauert oder in Situationen auftritt, die eigentlich nicht gefährlich sind. Wenn sie die Betroffenen in ihrem Alltagsleben behindert und unter Leidensdruck setzt“, sagt Projektleiterin Katharina Domschke.

Seit etwas mehr als drei Jahren arbeiten Wissenschaftler aus Würzburg, Münster und Hamburg im Rahmen des Sonderforschungsbereichs „Furcht, Angst und Angsterkrankungen“ daran, das komplexe Zusammenspiel der beteiligten Faktoren aufzudröseln. Auf der Ebene der Gene haben sie dabei mittlerweile einen der Hauptakteure identifiziert: Das betreffende Gen kodiert ein besonderes Eiweiß, das den Namen Neuropeptid S (NPS) trägt.

„Neuropeptide sind Nerven-Botenstoffe, die indirekt das Zusammenspiel von mehreren anderen Nerven-Botenstoffen wie Serotonin und Adrenalin beeinflussen“, erklärt Domschke. Wissenschaftler des Sonderforschungsbereichs konnten in Experimenten an Mäusen zeigen, dass gerade das Neuropeptid S (NPS) Angst-ähnliches Verhalten beim Tier entscheidend steuert.

Tatsächlich haben die Forscher auch beim Menschen eine Variante des Gens identifiziert, das für die NPS-Rezeptoren verantwortlich ist. Die Rezeptoren dieser Variante reagieren mit einer um das Zehnfache erhöhten Sensibilität auf das Neuropeptid S. Für die Träger dieser Variante hat das zur Folge, dass sie ihre Angstreaktion sehr viel stärker erleben und bewerten als Menschen, deren Rezeptoren nicht so sensibel arbeiten. Dabei zeigen sie auch körperliche Anzeichen einer erhöhten Angstreaktion wie zum Beispiel einen erhöhten Herzschlag in Angst-besetzten Situationen. In der Sprache der Wissenschaftler neigen die Betroffenen zu einer „katastrophisierenden Überinterpretation von körperlichen Angstreaktionen“ und sind damit anfälliger für die Entwicklung von Angsterkrankungen wie beispielsweise der Panikstörung.

Mit dem Wissen um die genetischen Grundlagen von Angsterkrankungen lassen sich nach Domschkes Ansicht noch spezifischere Medikamente gegen Angstzustände oder Depressionen entwickeln und auf ihre Wirksamkeit testen. „Damit können wir den Patienten möglicherweise viel Leidenszeit ersparen“, so Domschke.

MEDICA.de; Quelle: Universität Würzburg