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Coach statt Arzt

Coach statt Arzt

Viele Lehrer haben mit Erschöpfungssymptomen zu kämpfen. Allein im Kanton Bern werden pro Jahr schätzungsweise zwischen 70 und 100 Lehrpersonen für längere Zeit krankgeschrieben. Ein Team um den Sozialwissenschaftler Kurt Hofer von der Pädagogischen Hochschule Bern hat nun mittels Interviews und teilnehmender Beobachtung untersucht, wie acht Lehrpersonen, die aufgrund einer schweren Erschöpfung für mindestens sechs Monate krankgeschrieben wurden, ihre Krise deuten und zu bewältigen versuchen. Die Fälle waren zwischen 40 und 55 Jahre alt und mit einer Ausnahme weiblich. Sie unterrichten im Kindergarten, auf der Primar- und der Oberstufe.

Alle Untersuchten fühlten sich Jahre lang chronisch unter Druck. Sie arbeiteten bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit und verloren die Freude am Beruf. Dazu kam der Eindruck eines wachsenden Defizits an Anerkennung: von Seiten der Schüler, der Eltern, der Kollegen, der Schulleitung und der Gesellschaft. Von ihnen allen würden sie nicht das zurückbekommen, was sie andauernd gäben, sagten die Untersuchten, die meist zusätzlich die Doppelbelastung von Familie und Beruf trugen.

Alle Untersuchten fühlten sich von ihrem Arbeitsort und der Institution Schule entfremdet. Sie deuteten die Bildungsreformen der letzten Jahre dahingehend, dass ihre Arbeit nicht mehr genüge. Die Auseinandersetzungen mit den durch die Reformen eingeführten Schulleitungen spielten bei der Hälfte der Fälle eine wichtige Rolle. Sie fühlte sich von den Querelen mit der – meist männlichen – Schulleitung aufgerieben.

Die untersuchten Lehrpersonen zeigten eine hohe Leistungsorientierung und reagierten auf die Probleme mit noch größerem Arbeitseinsatz. Je belasteter sie sich fühlten, desto gewissenhafter bereiteten sie den Unterricht vor und desto mehr Zeit verbrachten sie im Schulhaus. Nur ein Teil der Betroffenen sah sich mit disziplinarischen Problemen konfrontiert. Die anderen schienen die Situation im Griff zu haben und mit der Klasse die anvisierten Lernziele zu erreichen. Konflikte mit Eltern und eine zunehmende Angst vor deren Reaktionen waren häufig die letzten Auslöser des Zusammenbruchs oder einer präventiv erfolgten Krankschreibung durch den Arzt.

Die Krankschreibung soll dazu dienen, dass sich die Betroffenen während einer bestimmten Zeit fernab vom Schulalltag regenerieren, um dann gestärkt ins Berufsleben zurückzukehren. Nach Hofer führt diese Praxis nicht zum Ziel. Die beschäftigungslose Zeit verunsichere die Beurlaubten, nach der Auszeit hielten sie an ihrem Arbeitsmuster fest und viele fürchteten eine Stigmatisierung. Als Alternative schlägt Hofer eine Unterstützung vor Ort vor: Statt dass die Lehrpersonen die Schule über längere Zeit verließen, sollten Fachpersonen sie im Schulalltag temporär begleiten und mittels Coaching entlasten.

MEDICA.de; Quelle: Schweizerischer Nationalfonds SNF