Hauptinhalt dieser Seite

Sprungmarken zu den verschiedenen Informationsbereichen der Seite:

Sie befinden sich hier: MEDICA-Portal. MEDICA Magazin. Interviews. Business-Interviews.

„Viele Patienten fühlen sich von IGeL überrumpelt“

IGeL: „Viele Patienten fühlen sich von IGeL überrumpelt“

22.03.2012

Foto: Silke Thomas

Doktor Silke Thomas; © privat

Individuelle Gesundheitsleistungen, sogenannte IGeL, werden Patienten in Deutschland immer häufiger in den Arztpraxen angeboten. Doch viele der Angesprochenen sind verunsichert, ob die Leistung wirklich nötig ist oder ob ihre Gesundheit wirklich von einer Selbstzahlerleistung abhängt.

Antworten auf diese Fragen möchte das Internetportal IGeL-Monitor bereitgestellt durch den Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen e. V. bieten. Doch nach welchen Kriterien wurde getestet und welche Informationen erhalten die Patienten? Wir sprachen mit Frau Doktor Silke Thomas, die an den Bewertungen mitgearbeitet hat.


MEDICA.de: Nach welchen Kriterien haben Sie die zu testenden IGeL-Leistungen ausgewählt?

Silke Thomas: Es gibt circa 350 IGeL-Leistungen, davon haben wir bislang 25 bewertet und auf dem IGeL-Monitor veröffentlicht. Hierfür haben wir zunächst solche Leistungen ausgewählt, die besonders häufig angeboten werden, wobei uns eine Gewichtung zwischen Früherkennung und therapeutischer Leistung wichtig war.

MEDICA.de: Nachdem die Entscheidung gefallen war: Wie sind Sie vorgegangen?

Thomas: Zu jeder IGeL werden die Informationen in fünf Stufen dargestellt. Grundlage für jede IGeL ist der sogenannte Ergebnisbericht, in dem wir die Literatur-Suche sowie jede in die Bewertung einbezogene Studie darstellen. Die Ergebnisse, die wir in diesen Studien zu Nutzen und Schaden finden, bereiten wir dann in der sogenannten Evidenzsynthese auf. Aufgrund dieser Informationen gelangen wir zu einem Fazit. Für jede IGeL sind Ergebnisbericht und Evidenzsynthese frei zugänglich, sodass Fachleute und interessierte Laien nachvollziehen können, wie wir zu der Bewertung der IGeL kommen. Auf Basis dieser beiden Dokumente erarbeiten wir eine ausführliche Information zu einer IGeL-Leistung und eine Kompaktversion. IGeL-Info ausführlich und IGeL-Info kompakt richten sich eher an Patienten und sind allgemeinverständlich aufbereitet.

MEDICA.de: Sie benoten die IGeL-Leistungen nicht, sondern arbeiten mit Begriffen wie: „tendenziell positiv“ oder „tendenziell negativ“. Warum lassen Sie diesen Spielraum in den Bewertungen?

Thomas: Die fünf Kategorien unserer Bewertung sind so eingeteilt, dass wir zum Beispiel zu dem Schluss kommen: tendenziell negativ. Damit sagen wir aus, dass in einem solchen Fall der Schaden geringfügig den Nutzen überwiegt. Es ist nicht so gedacht, eine klare Empfehlung zu geben.

MEDICA.de: In der Berichterstattung über den IGeL-Monitor konnte man auch Kommentare finden, dass die Bewertung einzelner IGeL letztendlich auch damit zusammenhängt, welche Studien man dafür untersucht. Was antworten Sie solchen Kritikern?

Thomas: Die Frage der Studienauswahl ist ganz wichtig. Deshalb haben wir klare Regeln dafür geschaffen, welche Studien einbezogen werden und wie wir insgesamt bei jeder Bewertung einer IGeL vorgehen. So kann jeder nachvollziehen, welche Studien wir für unsere Bewertungen zugrunde gelegt haben.

MEDICA.de: Wie reagiert die Ärzteschaft auf den IGeL-Monitor?

Thomas: Die Bandbreite der Rückmeldungen aus der Ärzteschaft ist groß. Neben kritischen – aber überwiegend sachlichen – Kommentaren zu einzelnen IGeL-Bewertungen bekommen wir auch sehr positives Feedback zum Beispiel von Ärzten, die grundsätzlich keine IGeL anbieten. Das geht bis hin zu dem Wunsch nach weitergehenden Informationsmaterialien wie Plakaten oder Flyern für die eigene Praxis.

MEDICA.de: Würden Sie sagen, dass IGeL nach wie vor ein „heißes Eisen“ sind, da viele es nur als Geldmacherei der Ärzte wahrnehmen?

Thomas: Wir haben den IGeL-Monitor ins Leben gerufen, um Patienten über den Nutzen und Schaden von IGeL-Leistungen zu informieren. Die Rückmeldungen zeigen, dass das Angebot von vielen Patienten als längst überfällig und sehr hilfreich wahrgenommen wird. Sie können oftmals nicht abschätzen, ob eine Behandlung in ihrer jeweiligen persönlichen Situation eventuell sinnvoll sein könnte oder ob eher das finanzielle Interesse des Arztes im Vordergrund steht. Um dieser Unsicherheit entgegenzutreten, soll der IGeL-Monitor Informationen an die Hand geben, die bei der Entscheidung für oder gegen eine Leistung unterstützen.

MEDICA.de: Es gibt Forderungen, nach denen zwischen IGeL-Angebot und IGeL-Durchführung mindestens 24 Stunden liegen müssen, damit die Patienten in Ruhe alles überdenken können. Würden Sie das befürworten?

Thomas: Tatsächlich ist nicht allen Patienten klar, dass eine IGeL-Leistung in der Regel niemals dringend ist – man also genug Zeit hat, alles zu überdenken. Wichtig ist, man sich ausführlich die Vor- und Nachteile der angebotenen Leistung erklären zu lassen. Und der Preis ist natürlich ein Thema: Wie hoch ist er und worauf bezieht er sich? Auf eine einmalige Leistung oder besteht die IGeL aus mehreren „Einheiten“? Darüber hinaus sollte man fragen, ob es eine vergleichbare Leistung gibt, die von den gesetzlichen Krankenkassen getragen wird. Mit diesen Informationen sollte man nach Hause gehen und zum Beispiel auf dem IGeL-Monitor über die angebotene Leistung recherchieren, um sich bewusst für oder gegen die IGeL entscheiden zu können. Denn viele Patienten fühlen sich von IGeL überrumpelt.

MEDICA.de: Gab es während ihrer Überprüfung der IGeL-Leistungen Überraschungen, in dem Sinne, dass ein schlechtes Abschneiden einer Leistung vermutet wurde, diese dann jedoch positiv auffiel?

Thomas: Wir haben zwei IGeL-Leistungen, die wir als tendenziell positiv bewerten. So überwiegt etwa bei der Lichttherapie gegen Winterdepression der Nutzen geringfügig den Schaden. Wenn eine Leistung tendenziell positiv bewertet wird, veröffentlichen wir im IGeL-Monitor eine Stellungnahme vom Spitzenverband der Krankenkassen. Darin wird erklärt, warum die Leistung trotz der tendenziell positiv-Bewertung keine Kassenleistung ist. Denn das ist natürlich eine logische Frage, die sich stellt.

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de