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„Das Verständnis für die jeweils andere Seite fehlt zum Teil"

Thema des Monats Mai: Pränatalmedizin

 
 

„Das Verständnis für die jeweils andere Seite fehlt zum Teil"

Foto: Ärztin und Patientin im Beratungsgespräch

Ärzte stehen in der Pflicht, die
Patientin umfassend zu infor-
mieren; © panthermedia.net/
Monkeybusiness Images

Auf Seiten der Ärzte scheint die Bürokratie zuzunehmen, gleichzeitig steigt die zeitliche Belastung im Praxisalltag.

MEDICA.de fragte Frau Doktor Vera Bramkamp wie das Gesetz im Alltag Umsetzung findet und in welchen Punkten eine Verbesserung wünschenswert wäre. Bramkamp ist Gynäkologin und psychosoziale Beraterin bei pro familia in Münster und arbeitet im Kooperationprojekt mit der Frauenklinik des Universitätsklinikums Münster (UKM) zusammen. Es ist eines von wenigen nationalen Zentren, das in einem multidisziplinären Team psychosoziale Beratung nach Pränataldiagnostik anbietet.


MEDICA.de: Das Schwangerschaftskonfliktgesetz (SCHGK) ist seit einiger Zeit im Praxisalltag verankert. Was hat sich dadurch verändert?

Vera Bramkamp: Die Änderungen des SCHGK betreffen in erster Linie die beratenden Ärzte. In dem Moment, indem ein pränatal auffälliger Befund diagnostiziert wird, stehen die Ärzte in der Pflicht, die Patientin umfassend zu informieren. Außerdem ist das Angebot einer fachübergreifenden medizinischen und psychosozialen Beratung verpflichtend. Der Arzt muss also hier die medizinische, psychische und soziale Bedeutung des Befundes erklären. Vor allem aber, auf welche Weise Eltern und Kinder unterstützt werden können. Das geschieht, indem er Ärzte konsultiert und vermittelt, die fachspezifisch mit dem diagnostizierten Krankheitsbild des ungeborenen Kindes zu tun haben. Das heißt, wenn bei dem Kind ein Neuraldefekt diagnostiziert wird, wird ein pädiatrischer Neurochirurg hinzugezogen. Geht es um einen Herzfehler, befragt man einen Kinderkardiologen. Zudem ist der Arzt nun verpflichtet, auf eine vertiefende psychosoziale Beratung hinzuweisen und den Kontakt, beispielsweise zu einer Schwangerschaftsberatungsstelle, herzustellen. Für die schwangeren Frauen ist nichts verpflichtend, sie können sämtliche dieser Angebotsberatungen ablehnen. Allerdings muss der Arzt diese Entscheidung dokumentieren.

MEDICA.de: Nun geben laut einer deutschlandweiten Datenerhebung der Universität zu Köln siebzig Prozent der Gynäkologen an, dass der Beratungsaufwand im Zusammenhang mit der Mitteilung eines auffälligen pränatalen Befundes durch die neuen gesetzlichen Regelungen erheblich gestiegen sei und so auch zu finanziellen Einbußen führt. Wie viel Raum nimmt die Beratungsleistung wirklich ein?

Bramkamp: Ein adäquates Beratungsgespräch nimmt sicher über eine Stunde Zeit in Anspruch. Das ist natürlich ein Faktor, der den normalen Praxisalltag sprengt. Viele niedergelassene Ärzte erfahren das so. Zudem gibt es eine Vielzahl an neuen Aufklärungsbögen, die als gesetzliche Verpflichtung verankert worden sind und ausgehändigt werden müssen. Der Arzt muss diese Bögen erklären und von der Patientin unterschreiben lassen. Das ist ein großer bürokratischer Aufwand.

MEDICA.de: Bestehen denn manchmal Unsicherheiten bei der Beratungsleistung trotz gesicherter Rechtslage?

Bramkamp: Ich denke, dass es hier nicht mehr wesentliche Unsicherheiten gibt, denn die Situation betrifft vor allem Gynäkologen und Pränatalmediziner, die sich als allererste mit der Umsetzung vertraut gemacht haben. Für die Berater und Beraterinnen unterscheidet sich die psychosoziale Beratung im Bereich Pränataldiagnostik wesentlich von klassischen Beratungssituationen. Das veranlasste die Beratungsstellen, die Mitarbeiter zusätzlich zu qualifizieren, denn sie müssen die Besonderheiten dieser Beratungskonstellation verstehen und über viel medizinisches Wissen verfügen. Deshalb sind in der pro familia NRW besonders viele Ärztinnen in diesem Bereich tätig. Außerdem entwickelten wir, wie auch andere Beratungsträger, eigene Fortbildungskonzepte für diese spezielle Form der Beratung.

 
 
Foto: Ultraschallbild eines menschlichen Fötus

Für viele Patientinnen ist es extrem belastend, eine externe Beratungsstelle aufsuchen zu müssen;© panthermedia.net/Marcin Marczak

MEDICA.de: Wie gestaltet sich die interdisziplinäre Zusammenarbeit, beispielsweise zwischen Pränataldiagnostikern und Beraterinnen?

Bramkamp: In unserem Umfeld, in unserem Kooperationsprojekt der pro familia und der Pränatalmedizin der Universitätsklinik Münster, gestaltet sich die Zusammenarbeit sehr gut. In dieser komplexen Situation ist unsere Doppel-Qualifikation als Gynäkologinnen und psychosoziale Beraterinnen wichtig. Sehr wichtig ist auch, dass sich unsere Beratungsstelle direkt vor Ort befindet und die zuweisenden Ärzte bekannt sind. Außerdem sind wir an die Ultraschallsprechstunden angebunden. In anderen Bereichen ist es immer noch schwierig, Kooperationen zwischen niedergelassenen Pränatalmedizinern und Beratungsstellen herzustellen. Das scheitert oft daran, dass die Angebote nicht niederschwellig gestaltet sind. Niederschwellig heißt, dass die Beratung ort– und zeitnah stattfinden kann, beispielsweise bei uns auf dem gleichen Flur. Somit umgeht man die Hürde, mit der viele Patientinnen, die ja extrem belastet sind, zu kämpfen haben: eine externe Beratungsstelle aufsuchen zu müssen.

Gleichzeitig ist es auch eine Frage des gegenseitigen Rollenverständnisses – und dieses Verständnis für die jeweils andere Seite fehlt zum Teil. Für die Beraterinnen wäre es sehr wichtig zu wissen, wie es in der medizinischen Praxis abläuft und welche Sachzwänge es gibt. Für Mediziner wiederum wäre es wichtig zu verstehen, was eine psychosoziale Beratung leisten kann, die nicht mit einer empathischen medizinischen Beratung gleichzusetzen ist.

MEDICA.de: An welchen Stellen würden Sie sich Verbesserungen wünschen?

Bramkamp: Ich würde mir wünschen, dass durch mehr Kenntnisse über die fachliche Gegenseite die beidseitige Akzeptanz wächst. Grundsätzlich bleibt es eine Frage der Überzeugung, welche ergänzende Beratung der Mediziner empfiehlt. Die Qualität und Bedeutung der psychosozialen Beratung kann am besten über den persönlichen Kontakt zwischen Beratern und Medizinern bestärkt werden. Beide Seiten sollten eher die Bereitschaft zeigen, sich auf den gegenseitigen Kontakt einzulassen und die Vermittlung der Patientinnen noch ernster zu nehmen. Psychosoziale und medizinische Kompetenzen sollten nicht konkurrieren, sondern sich zum Wohle der Patientinnen selbstverständlich ergänzen.

Das Interview führte Diana Posth.

MEDICA.de

 
 

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