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„Die Interoperabilität ist noch nicht so weit entwickelt"

Thema des Monats Juni: Kommunikation in der Medizin

 
 

„Die Interoperabilität ist noch nicht so weit entwickelt"

Foto: Stethoskop umwickelt Smart Phone mit angezeigten Apps

Patienten, die ihre Körperfunk-
tionen selber messen, nehmen
ihre Gesundheit in die eigenen
Hände;© panthermedia.net/
Christos Georghiou

Nicht nur unterwegs und von zu Hause, sondern auch in Arztpraxen oder in Kliniken.

Da digitale Technik und Medizin durch „mobiles Computing“ weiter zusammenwachsen, beleuchtet MEDICA.de diese zwei Themenfelder. Zwei Experten betrachten das Thema Gesundheitsapps aus ihrer jeweiligen Sicht: Professor Petra Knaup-Gregori des Instituts für Medizinische Biometrie und Informatik am Universitätsklinikum Heidelberg vertritt die ärztliche Perspektive und Doktor Pablo Mentzinis, Bereichsleiter Public Sector des BITKOM - Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V. übernimmt die technische Position.









MEDICA.de: Gesundheits-Apps erlauben mittlerweile Patienten mit chronischen Leiden, wie beispielsweise kardio-vaskulären Erkrankungen, eine umfassende Überwachung ihrer Körperfunktionen. Wie verlässlich sind diese Apps?

Paoblo Mentzinis: Pauschale Aussagen sind nur schwer möglich. Wichtig ist, dass gerade die Apps, die medizinische Befunde ermöglichen, zum Beispiel Pulsmessung via Smartphone, Medizinprodukte sind. Medizinprodukte müssen nach EU-Richtlinien geprüft sein und mit der sogenannten CE-Kennzeichnung versehen werden.

Petra Knaup-Gregori: Bei dieser Frage geht es weniger um die Verlässlichkeit der Applikation als um die Sicherheit und den Schutz von persönlichen Daten und um die Zuverlässigkeit des Anwenders, diese Daten regelmäßig aufzuzeichnen und zu speichern. Technisch sollte die Zuverlässigkeit der Applikation kein Problem sein. Generell sollten ‚Apps‘ lediglich der Speicherung der Daten dienen und keine aktiven medizinischen Vorschläge generieren. Dazu wäre eine sorgfältige Validierung und gegebenenfalls auch Zertifizierung notwendig. Bei einer reinen Bereitstellung von Wissen durch Applikationen sollte die Qualität der Inhalte geprüft und zum Beispiel durch einen HON-Code zertifiziert sein.

MEDICA.de: Bis jetzt gibt es noch keine Gütesiegel für diese Art von Applikationen. Welche Qualitätsindikatoren sollten Ärzte und Patienten beachten?

Knaup-Gregori: Solange es kein Gütesiegel oder zumindest eine Empfehlung von der zugehörigen Medizinischen Fachgesellschaft gibt, werden Ärzte die Nutzung von Apps auch nicht empfehlen. Für die Speicherung und Präsentation von gemessenen Daten, mag ein medizinisches Gütesiegel nicht erforderlich sein, sondern es muss eher die technische Zuverlässigkeit vom Anbieter gewährleistet werden. Bezüglich der Qualität der medizinischen Inhalte sollten nicht primär neue Indikatoren geschaffen, sondern etablierte Verfahren genutzt und gegebenenfalls erweitert werden - zum Beispiel Stiftung ‚Health on the Net‘, http://www.hon.ch/HONcode/German/.

Mentzinis: Wie bei anderen Apps auch, kann man sich bei Gesundheits-Apps auf die Schwarmintelligenz der Nutzer verlassen. Wenn es nur negative Feedbacks von anderen Nutzern der Apps gibt, dann ist das ein recht verlässlicher Anhaltspunkt. Allerdings gilt das natürlich nur dann, wenn mehr als drei Bewertungen vorliegen.

MEDICA.de: Welche Auswirkungen könnte diese technische Entwicklung, das selbstständige „tracking“ von Vitalparametern via Apps, auf die Arzt-Patienten-Kommunikation haben?

Mentzinis: Apps wirken auf mehreren Ebenen. Indem der Patient seine Körperfunktionen selbst misst, nimmt er seine Gesundheit in die eigenen Hände und entwickelt vielfach eine höhere Eigenverantwortung. Das ist gerade bei Krankheiten wie Diabetes Typ II ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Für den Arzt bringen laufende, zeitlich eng aufeinander folgende Messungen durch den Patienten ein besseres Bild über den gesundheitlichen Zustand seines Patienten als wenige Untersuchungen in der Praxis. Und schließlich ist es für den Patienten viel komfortabler, daheim zu messen.

Knaup-Gregori: Das kontinuierliche Speichern von Vitalparametern kann dazu führen, dass Arztbesuche seltener notwendig werden und Daten online dem Arzt des Vertrauens bereit gestellt werden. Beim Patienten kann dadurch das Bedürfnis entstehen, häufiger ein Feedback über den eigenen Gesundheitszustand zu erhalten. Dies kann unter Umständen zu einer Mehrbelastung der Ärzte führen.

Applikationen, die rein der Informierung des Patienten dienen, bewirken, dass Patienten einen vermeintlich besseren Wissensstand zum Zeitpunkt des Arztbesuchs haben. Ärzte müssen sich aber bereits seit Beginn der schnellen Verbreitung des Internet auf Privathaushalte auf informierte Patienten einstellen.

 
 
Foto: Gesundheits-App

Beim persönlichen Arzt-Patienten Kontakt muss die zwischenmenschliche Kommunikation trotz des Potenzials der gemessenen Daten weiterhin im Vordergrund stehen; © panthermedia.net / Detlef Krieger

MEDICA.de: Was sollten medizinische Einrichtungen, Krankenhäuser und Arztpraxen, im Hinblick auf die Nutzung dieser Technologie grundsätzlich beachten, um eine reibungslose Kommunikation untereinander sicherzustellen?

Knaup-Gregori: Das kontinuierliche Speichern von Vitalparametern kann bewirken, dass Ärzte nicht mehr auf die verbale Darstellung der Patienten im Nachhinein angewiesen sind, sondern Entscheidungen auf regelmäßig gemessenen und daher objektiven Werten basieren können. Entscheidend für eine gute Qualität der Behandlung ist aber, dass der Patient über die Bedeutung der regelmäßigen Messung aufgeklärt ist und weiß, bei welchen Konstellationen der gemessenen Parameter ein Arztbesuch dringend angeraten ist. Darüber hinaus muss beim persönlichen Arzt-Patienten Kontakt die zwischenmenschliche Kommunikation trotz des Potenzials der gemessenen Daten weiterhin im Vordergrund stehen.

Mentzinis: Die Zauber- und Reizworte sind Interoperabilität und Standards. Interoperabilität, also das Ineinandergreifen der Technik beim Arzt, in der ambulanten Pflege und in der Klinik ist noch nicht so weit entwicklet, wie man es sich eigentlich im Interesse von Patienten und Ärzten wünschen würde. Umso wichtiger ist, dass das Bundesgesundheitsministerium diese Großbaustelle des Gesundheitswesens nun angeht. Hier arbeitet BITKOM engagiert mit, denn für unsere Mitgliedsunternehmen ist mangelnde Interoperabilität oftmals ein Markthemmnis.

MEDICA.de: Welche Entwicklungen für den medizinischen Bereich sind zukünftig nicht nur deutschlandweit, sondern auch auf internationaler Ebene absehbar?

Mentzinis: Der Schwerpunkt der Entwicklungen dürfte bei den sogenannten Volkskrankheiten liegen. Wer beispielsweise an Diabetes, Bluthochdruck, Herzkrankheiten oder chronischen Schmerzen leidet, muss häufig regelmäßig Vitalwerte wie Blutdruck, Puls oder Blutzucker protokollieren und sich penibel an einen ärztlichen Therapieplan halten. Dabei kann das Smartphone helfen: Spezielle Apps erinnern den Patienten, wann welches Medikament in welcher Dosis einzunehmen ist. Damit sind die Zeiten von Wecker und unübersichtlicher Zettelwirtschaft vorbei.

Ähnliches gilt für die Aufzeichnung von Vitalwerten: Besonders Diabetiker und Menschen mit erhöhtem Blutdruck müssen oft über ihre Werte Tagebuch führen. Auch hier helfen Apps, die notwendige Buchführung einfach und übersichtlich zu gestalten: Die Werte werden direkt in die Applikation eingegeben, diese speichert sie und stellt sie graphisch dar. Jedes Meßergebnis kann kommentiert werden. Das hilft, Schwankungen des Blutdrucks zu begründen und entsprechend gegenzusteuern.

Knaup-Gregori: Die Verfügbarkeit von medizinischen Anwendungen auf mobilen Telefonen ermöglicht, dass Patienten Handlungen, die der Überwachung und Verbesserung ihres Gesundheitszustands dienen, enger mit Aktivitäten des täglichen Lebens verzahnen. Dies führt hoffentlich dazu, dass sie informierter über ihre Krankheiten sind und souveräner Entscheidungen bezüglich ihrer Gesundheit treffen können. Mobile Telefone sind heute auch bereits in Schwellenländern stark verbreitet. Die Verfügbarkeit der Daten über mobile Geräte ermöglicht einen weltweiten Zugriff und erhöht damit die Mobilität erkrankter Menschen.

Aus eher technischer Sicht können die Anwendungen für medizinisches Personal nur dann effizient genutzt werden, wenn Daten, die im täglichen Leben der Patienten erhoben werden, auch in die lokalen Krankenhaus- oder Praxisinformationssysteme eingebunden werden. Hier gilt es technische Standards und Kommunikationsstandards in der Medizin zu harmonisieren und insbesondere auch semantische Interoperabilität zu gewährleisten.

Das Interview führte Diana Posth.
MEDICA.de

 
 

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