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Frauen leiden unter dem männlichen Patientenmuster

Gendermedizin: Frauen leiden unter dem männlichen Patientenmuster

22.01.2013

Vera Regitz-Zagrosek

Professor Vera Regitz-Zagrosek;
© Charité Berlin

Die Gendermedizin wurde in den 90er Jahren in Amerika geboren. Seit 2003 beschäftigen sich auch deutsche Forscher mit Geschlechterunterschieden bei Therapien. Bei einem Herzinfarkt beispielweise beschweren sich Männer hauptsächlich über Brustschmerzen. Frauen dagegen schildern mehrere Symptome, wodurch die Diagnose meist später fällt.

MEDICA.de sprach mit Professor Vera Regitz-Zagrosek, Direktorin des Instituts für Geschlechterforschung in der Medizin (GIM) an der Charité Berlin, über die allgemeine Patientenwahrnehmung und ihre Folgen für die Gesundheit der Frauen.


MEDICA.de: Frau Professor Regitz-Zagrosek, von welchem Patientenmuster geht die heutige Medizin aus?

Vera Regitz-Zagrosek: Die Medizin orientiert sich an einem jungen männlichen Patienten. Diese Wahrnehmung hängt mit der Entwicklung der Medizin zusammen, die überwiegend aus einem männlichen Fachkollegium entstanden ist. Außerdem galt der weibliche Körper lange Zeit als geheimnisvoll oder unrein. Dies ist ein sehr komplexes Phänomen, dessen Begründung wahrscheinlich über den Rahmen der Medizin hinausgeht.

MEDICA.de: Welche Auswirkungen hat diese Vorstellung auf weibliche Patienten im Bezug auf Therapien und Medikamente?

Vera Regitz-Zagrosek: Einmal können sie zu verspäteter Diagnose führen, wenn die Symptome der Frauen und Männer sich unterscheiden und die der Frauen schlechter bekannt sind. Nehmen wir einen Herzinfarkt als Beispiel: Im Prinzip haben wahrscheinlich sowohl Männer und als auch Frauen bei einem Infarkt Brustschmerzen. Frauen schildern jedoch in der Regel eine größere Zahl von Symptomen, während Männer sich eher nur über Brustschmerzen oder Atemnot beschweren. Das komplexere Bild der Frau führt zu Verwirrungen und zu einer verspäteten Diagnosestellung.

In der Arzneimitteltherapie haben wir das Problem, dass viele Arzneimittelstudien, vor allem im kardiovaskulären Bereich, und insbesondere die frühen Phasen der Zulassungsstudien überwiegend an jungen, gesunden Männern gemacht werden. Der typisch weibliche Stoffwechsel oder die Überlagerung vom Arzneimittelstoffwechsel mit dem hormonellen Stoffwechsel werden dabei nicht beachtet. Die Dosierungen sind schlecht an den weiblichen Körper angepasst, der zum Beispiel einen höheren Fettgehalt als der männliche hat, und sich in Möglichkeiten der Arzneimittelinaktivierung unterscheidet. Dies wirkt sich dann auf die Erfolge der Therapien aus.

MEDICA.de: In welchen Fachbereichen spielt die Geschlechterforschung eine Rolle?

Vera Regitz-Zagrosek: Die Gendermedizin ist im Bereich der Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Lungen-, Autoimmun- sowie rheumatischen und endokrinologischen Krankheiten mittlerweile gut etabliert. Auch in anderen Disziplinen wie Neurologie, Gastroenterologie oder Pulmonologie sind signifikante Geschlechterunterschiede bekannt.

 
 
Patientin mit Atemnot

Weibliche und männliche Patienten zeigen öfters unterschiedliche Symptome bei gleicher Erkrankung; © panthermedia.net/Wavebreakmedia ltd

MEDICA.de: Wie könnten Ärzte auf die Unterschiede bei der Behandlung zwischen den Geschlechtern sensibilisiert werden?

Regitz-Zagrosek: Die jetzigen Ärzte haben in ihrem Studium nie etwas von Geschlechterunterschieden außerhalb der Sexualorgane und -funktionen – beispielsweise von der Beeinflussung von kardiovaskulären Erkrankungen durch Zyklusphasen oder Sexualhormone – gehört. Deshalb muss man auf sie zugehen und in Fortbildungsveranstaltungen über die neuesten Forschungsergebnisse in dem Bereich informieren. Andererseits entwickeln wir zunehmend Curricula für Studenten, damit sie dann mit den entsprechenden Kenntnissen ins Berufsleben eintreten.

MEDICA.de: Vor kurzem startete an der Charité die Berliner Frauenrisikoevaluation. Was ist das Ziel dieser Studie?

Regitz-Zagrosek: In der Studie wollen wir 1000 Berliner Frauen auf ihr kardiovaskuläres Risiko untersuchen und sie gleichzeitig dazu befragen, was sie für ihre größten Gesundheitsrisiken halten. Denn man weiß aus Umfragen, dass Frauen ihr kardiovaskuläres Risiko häufig unterschätzen und es deswegen große Diskrepanzen zwischen dem persönlich wahrgenommenen und dem tatsächlich existierenden Risiko gibt – dies wirkt sich auf die Bereitschaft zur Prävention aus. Mit der Studie wollen wir das Bewusstsein für die Vermeidung von Risikofaktoren abfragen und wecken.

MEDICA.de: Wie sieht die Zukunft der Gendermedizin aus?

Regitz-Zagrosek: Zum einen hoffen wir, dass es zunehmend Interesse daran gibt, in den Forschungsbereich zu investieren. Es werden Studien benötigt, die aufklären, wie unterschiedlich die Risiken und Verläufe bei Männern und Frauen sind und wie man sie bei Behandlungen berücksichtigen muss.

Zum anderen gibt es auch schon viele bekannte Fakten zu Geschlechterunterschieden in verschiedenen Syndromen, Arzneimittelwirkungen oder Nebenwirkungen. Weltweit sind mehrere Forschergruppen damit beschäftigt, das verfügbare Wissen in der Geschlechterforschung zusammenzufassen und daraus Schlussfolgerungen für Behandlungsrichtlinien und Leitlinien zu entwickeln. Sowohl Männer als auch Frauen profitieren davon.


Das Interview führte Michalina Chrzanowska.
MEDICA.de

 
 

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