Bessere Versorgung mit neuer Medikamenten-App

28.06.2017

Die schnelle Hilfe für ältere Patienten kommt jetzt per App. Unerwünschte Effekte von Medikamenten sind ein großes Problem bei der Behandlung alter Menschen. Falsch dosierte oder falsch angewendete Arzneimittel können zu Komplikationen führen. Damit soll jetzt Schluss sein.
Bild: Eine alte Frau schaut auf ihr Smartphone; Copyright: panthermedia.net / dimaberkut

FORTA steht für Fit fOR The Aged. Die App soll vor allem Ärzte unterstützen, die alte Menschen unter Zeitdruck behandeln müssen; ©panthermedia.net/dimaberkut

"Die sogenannte FORTA-App gibt den behandelnden Medizinern erstmals eine digitale Liste an die Hand, die sowohl untaugliche als auch nachweislich nützliche Arzneimittel für ältere Patienten benennt", sagt Professor Martin Wehling, Direktor der Klinischen Pharmakologie an der Medizinischen Fakultät Mannheim der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er hat die App mit seinem Team entwickelt.

Die grundlegenden Daten dafür haben Mediziner der geriatrischen Kliniken in Mannheim und Essen in einer Studie zusammengetragen. "Mit unserer Entwicklung lässt sich die Fehlerquote bei der Medikamentenversorgung verringern. Zudem können Nebenwirkungen vermieden werden und nebenbei steigt die Lebensqualität der Patienten." Die kostenlose Android-App ist ab sofort in deutscher und englischer Version im Google-Play-Store erhältlich. Die Anwendung für Apple-Geräte soll in wenigen Monaten erscheinen.

FORTA steht für Fit fOR The Aged. Die App soll vor allem Ärzte unterstützen, die alte Menschen unter Zeitdruck behandeln müssen. "Bei Hausärzten liegt die durchschnittliche Behandlungszeit bei acht Minuten pro Patient. Da muss die Sichtung der zahlreichen Arzneimittel schnell gehen und genau auf den Patienten abgestimmt sein", sagt Wehling, der zugleich Leiter der Arbeitsgruppe Arzneimitteltherapie der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) ist.

Wissenschaftliche Grundlage der App-Entwicklung ist die VALFORTA-Studie, die im vergangenen Jahr unter Wehlings Leitung veröffentlicht wurde. Ziel der Wissenschaftler war, die Über- und Unterversorgung mit Medikamenten jeweils deutlich zu verringern. "Die Ergebnisse sind aus meiner Sicht phänomenal. Wir konnten nachweisen, dass sich nach Anwendung der FORTA-Liste die Qualität der Medikamentenversorgung gegenüber der Kontrollgruppe um das 2,7-fache verbessert hat", sagt Wehling. Sprich: Bei den Studienpatienten mit anfangs über drei nachgewiesenen Medikationsfehlern konnten diese durch Anwendung der FORTA-Regeln hochsignifikant auf unter eins reduziert werden. Untersucht wurden im Rahmen der Studie über 400 Patienten über 60 Jahre.

Die FORTA-Klassifizierung ist ein Vorschlag für die Bewertung der Alterstauglichkeit von Arzneimitteln , die erstmals sowohl Positiv- als auch Negativbewertungen beinhaltet und 2008 von Wehling publiziert wurde. Hieraus wurde in mehreren Schritten, an denen insgesamt 25 Mediziner als Gutachter beteiligt waren, die FORTA-Liste entwickelt, die nun 273 Bewertungen für 29 Indikationen, also Heilverfahren für bestimmte Krankheitsbilder, enthält. Anders als Negativ-Listen von Medikamenten, die nur beschreiben, welche Medikamente nicht verwendet werden sollen, beleuchtet die FORTA-Liste auch die positiven Seiten. Konkret werden die Arzneien in vier Kategorien einsortiert: In die A-Kategorien fallen Medikamente, deren Nutzen eindeutig positiv aufgefallen ist und die mit großem Effekt verabreicht werden können. In die B-Kategorie fallen Arzneimittel, die zwar einen Nutzen haben, aber in punkto Sicherheit und Wirksamkeit doch einige Einschränkungen aufweisen. Dem folgt die C-Kategorie mit Medikamenten, deren Nutzen-Risiko-Verhältnis eher ungünstig ist. Patienten müssten bei der Behandlung ganz genau beobachtet werden, um bei Nebenwirkungen direkt reagieren zu können. In der D-Kategorie fallen dann alle Arzneimittel, die fast immer vermieden werden sollten.

Für Martin Wehling ist die FORTA-Liste eine Pflichtlektüre für alle Mediziner, die sich mit älteren Menschen beschäftigen. "Und die App gehört auf jedes Smartphone von Geriatern und niedergelassenen Hausärzten", so der Mediziner. Damit ließen sich viele Beeinträchtigungen bei alten Patienten vermeiden, die aktuell gar nicht ins Krankenhaus kommen.

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG)

Mehr über die Deutsche Gesellschaft für Geriatrie (DGG) unter: www.dggeriatrie.de