Irreversible Elektroporation – Letzte Hoffnung für Leberkrebspatienten

Interview mit Dr. Philipp Wiggermann, Leitender Oberarzt, Universitätsklinikum Regensburg

24.04.2017

Leberkrebs ist weltweit der fünfthäufigste bösartige Tumor. Entfernt werden kann der Tumor chirurgisch oder mit thermischen Verfahren. Wenn mit den konservativen Methoden eine Therapie nicht mehr möglich ist, gibt es eine weitere Alternative: Die Irreversible Elektroporation (IRE). Die Wirksamkeit der Methode wurde nun in einer klinischen Studie bestätigt.

Bild: Dr. Philipp Wiggermann; Copyright: privat

Dr. Philipp Wiggermann; © privat

Im Interview mit MEDICA.de spricht der Studienverantwortliche Dr. Philipp Wiggermann über das Ergebnis der Studie, wann die IRE eingesetzt wird und wie der Einsatz in Zukunft aussehen wird.

Dr. Wiggermann, worum genau handelt es sich bei der Irreversiblen Elektroporation (IRE)? Was passiert dabei?

Dr. Philipp Wiggermann: Bei der IRE wird mithilfe von starken elektromagnetischen Feldern die Desintegration einer Zellmembran durchgeführt. Wenn eine Zellmembran einem sehr starken Magnetfeld ausgesetzt wird, kommt es zur Zellschädigung, es entstehen kleinste Poren in der Membran. Normalerweise ist die Zelle in der Lage, sich selbst wieder zu reparieren. Das wäre das Ziel bei der Reversiblen Elektroporation. Wenn man mit der Methode jedoch zu viele Poren generiert, dann gelingt es den Zellen nicht, sich zu reparieren, und sie sterben ab. Das heißt, der Zelltod erfolgt über die Apoptose und nicht über die Nekrose. Das ist der fundamentale Unterschied zu anderen Verfahren.

Wann wird die irreversible Elektroporation eingesetzt?

Wiggermann: Die IRE wird ganz klassisch bei Krebserkrankungen eingesetzt, am häufigsten beim Hepatozellulären Karzinom bzw. Leberkrebs. Die Patienten, die wir bei uns im Zentrum an der Leber behandeln, haben keine andere Wahl mehr. In der Regel wurden sie bereits chirurgisch therapiert, aber das funktioniert nicht mehr. Unser Ansatz ist ein kurativer. Unser Ziel ist es, die Patienten komplett von den Metastasen der Leber zu befreien. 

Warum wird die IRE erst als letzte Option, wenn alle konventionellen Methoden nicht mehr wirken, eingesetzt?

Wiggermann: Zum einen ist die Medizin sehr traditionell. Generell ist das positiv zu sehen, da man nicht jeden Tag eine neue Methode ausprobiert und gewissermaßen der Mode hinterherrennt. Zunächst gibt es die Chirurgie sowie die Radiofrequenzablation (RFA) und die Mikorwellenablation (MWA). Die werden meistens nur mit einer einzigen Sonde durchgeführt und sind aus diesem Grunde schneller als die IRE. Die Eingriffszeit der IRE ist mindestens doppelt so lang wie die der RFA. Aus diesem Grunde wird die IRE sicher nicht die primäre Methode. Stattdessen wird sie dann angewandt, wenn man mit den klassischen thermischen Verfahren nicht weiterkommt.   

Bild: Eine Frau mit Glatze und Kopftuch sitzt auf dem Sofa und spricht mit einer anderen Frau; Copyright: panthermedia.net/Katharina Bia asiewicz

Die Studie des Universitätsklinkums hat ergeben, dass die Patienten nach der Behandlung im Schnitt länger als zwei Jahre lebten; ©panthermedia.net/Katharina Bia asiewicz

Bestehen Risiken beim Eingriff?

Wiggermann: Ja. Es ist zwar ein minimal-invasiver Eingriff, aber der findet unter Vollnarkose statt. Und jede Narkose birgt ein gewisses Risiko. Zudem gibt es in der Leber eine Reihe von Funktionsstellen, bei denen es möglicherweise zu einer Blutung kommen könnte. Und man hat auch all die Risiken, die eine Ablation mit sich bringt. Allerdings muss es im Kontext gesehen werden, dass es im Verhältnis zur OP eine sehr sichere Methode ist. 

Sie haben die bisher größte klinische Studie zur IRE durchgeführt. Wie sah diese Studie aus?

Wiggermann: Wir haben hier eine monozentrische, einarmige Studie durchgeführt. An den Abläufen im Zentrum haben wir nichts geändert. Wenn eine Kontraindikation für eine die Operation oder für eine thermische Ablation bestand, dann haben wurden diese Patienten mit der IRE behandelt. Zunächst haben wir das Überleben der Patienten erfasst. Anschließend haben wir aber auch das Langzeitüberleben aufgenommen – wie es nach zwei oder drei Jahren aussieht. Das ist die Quintessenz der Studie. Vom Designaufbau kann man sie nicht mit komplexen onkologischen Studien vergleichen. Aber das war auch nie unsere Intention. Für uns war es wichtig, zunächst zu berichten, wie die Methode vor allem auch im Langzeitbereich aussieht.   

Was war genau das Ergebnis der Studie?

Wiggermann: Wir konnten sehr gute Effizienzraten nach sechs Wochen belegen. Und wir haben auch erstmalig die Wirkung von IRE für einen längeren Zeitraum – über fünf Jahre – nachweisen können. Ein signifikanter Anteil der Patienten hatte lokal keinen Krebs mehr. Allerdings kann man nicht sagen, wie lange die Patienten gelebt hätten, wenn sie eine Systemtherapie bekommen hätten. Ein nächster Schritt, und daran arbeiten wir, ist die Entwicklung eines guten Studiendesigns, gemeinsam mit der Chirurgie und der Onkologie. Dann kann man harte Evidenzen schaffen und einen Vergleich zu den anderen Therapien ziehen. 

Bild: NanoKnife: Gerät zur Nutzung der IRE; Copyright: Angiodynamics

Für den Einsatz der Irreversible Elektroporation werden die Sonden an den IRE-Generator angeschlossen; ©Angiodynamics

Bisher ist die IRE noch nicht besonders verbreitet. Wie kommt das?

Wiggermann: Perkutane Tumorablationen als solche sind nicht weit verbreitet. Wir haben hier in Regensburg etwa 250 Fälle im Jahr und sind damit eines der größten Zentren in Deutschland. Zudem setzt die IRE ein gewisses Maß an technischem Wissen und auch Erfahrung voraus, denn sie ist komplexer als die thermische Ablation. Und nicht zuletzt gibt es dafür auch monetäre Gründe. Das Gerät für die IRE ist deutlich teurer als ein Mikrowellengerät. Und es wird erst seit einigen Jahren adäquat vergütet.   

Wird sich das in Zukunft ändern, auch in Anbetracht der positiven Ergebnisse der Studie?

Wiggermann: Ja, das wird sich ändern, allerdings muss man das auch in Relationen sehen. Von zehn Patienten, die für eine Tumorablation in Frage kommen, können acht mit thermischen Verfahren behandelt werden. Das heißt, man kann den Großteil der Patienten mit Methoden behandeln, die technisch einfacher durchzuführen und zudem auch kostengünstiger sind. Aber gerade auf universitärer Ebene gibt es viele Interessierte. Und das ist, meiner Meinung nach, eine positive Entwicklung.  

Bild: Olga Wart; Copyright: Rolf Stahl

© Rolf Stahl

Das Interview wurde geführt von Olga Wart.
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