Modulares Notfallkrankenhaus – Schnelle Hilfe bei Katastrophen

Interview mit Prof. Thomas Neumuth, Stellvertretender Direktor des Innovation Center Computer Assisted Surgery (ICCAS), Universität Leipzig

08.06.2017

Bei einem Erdbeben oder einer anderen Katastrophe brechen oftmals die Infrastrukturen zusammen und die lokalen Krankenhäuser sind zerstört. Ein modulares Krankenhaus, entwickelt unter der Leitung der Generaldirektion Humanitäre Hilfe und Katastrophenschutz der Europäischen Kommission, soll bei solchen Katastrophen schnell einsatzbereit sein und die Notfallversorgung unterstützen.

Bild: Prof. Thomas Neumuth; Copyright: privat

Prof. Thomas Neumuth; ©privat

Wir sprechen mit Prof. Thomas Neumuth über den Aufbau und Einsatz des modularen Krankenhauses und welche Rolle das Innovation Center Comupter Assisted Surgery (ICCAS) dabei spielt.

Herr Prof. Neumuth, welche Herausforderungen stellt eine Katastrophe an die medizinische (Notfall-)Versorgung?

Prof. Thomas Neumuth: Die größte Herausforderung ist, dass man mit deutlich weniger Ressourcen als in einer "normalen" Situation allen Patienten trotzdem Hilfe zukommen lassen kann.

Wie kann man sich das modulare Krankenhaus vorstellen?

Neumuth: Das ist ein voll funktionierendes Krankenhaus, mit mindestens zwei OP-Sälen, einer Intensivstation mit Intensivbetten und je nach Charakter des Einsatzgrundes verschiedenen Abteilungen. Insgesamt besteht das ganze Krankenhaus aus Zelten, die miteinander verbunden sind, sodass es komplett überdacht ist. Die Zelte werden nach einem Grundriss so angeordnet, dass verschiedene Fachabteilungen gebildet werden. Das heißt, man kann sich innerhalb der Zelte so bewegen, wie man sich innerhalb eines normalen Krankenhauses bewegt. So entsteht das Krankenhaus und kann überall hin transportiert werden.

Bild: Eingestürztes Haus; Copyright: panthermedia.net/paolo74s

Jede Naturkatasrophe stellt andere Anforderungen an die Fachabteilungen. So gibt es bei einem Erdbeben viel mehr Knochenbrüche und Quetschungen; ©panthermedia.net/paolo74s

Je nachdem, was der Grund für die Aktivierung des Krankenhauses ist, werden andere Anforderungen an die Fachabteilungen gestellt. Es gibt Erfahrungswerte der WHO aus den letzten Jahrzehnten, die aufzeigen, welche Verletzungsmuster bei den verschiedenen Naturkatastrophen auftreten. Das ist bei einem Erdbeben anders als bei einer Überschwemmung oder bei einer medizinischen Versorgung in einem Flüchtlingslager. Bei einem Erdbeben gibt es viel mehr Quetschungen und Knochenbrüche. In einem Flüchtlingslager dagegen ist alles an Krankheitsbildern vertreten, was man auch in einem europäischen städtischen Krankenhaus hat, von Blinddarmentzündung bis Kaiserschnitt. Da braucht man eine andere Zusammensetzung der Krankenhauskapazitäten. Das heißt, je nach Situation müssen die Abteilungen so zusammengestellt werden, dass die Krankheitsbilder, die mit der Katastrophe verbunden sind, möglichst optimal behandelt werden.

Was ist der Unterschied zu einem "normalen" Krankenhaus?

Neumuth: Der größte Unterschied ist, dass dieses Krankenhaus zu jedem Ort der Welt gebracht werden kann und innerhalb von drei Tagen aufgebaut ist. Man kann sich das so vorstellen: Wenn es morgen in Südamerika ein Erdbeben geben würde und die lokale Intrastruktur sowie die lokalen Krankenhäuser zerstört sind, dann wird dieses Krankenhaus aktiviert und dorthin transportiert. Es wird innerhalb kürzester Zeit aufgebaut und mit entsprechend ausgebildetem Personal bemannt. Das Ziel ist es, dass es spätestens nach drei bis fünf Tagen nach dem Ereignis seinen Betrieb aufnimmt.

Warum ist solch ein Krankenhaus notwendig?

Neumuth: Wenn die lokale Infrastruktur zur Gesundheitsversorgung der Bevölkerung entweder komplett zerstört ist, zum Beispiel bei einem Erdbeben, oder wenn die lokale Infrastruktur nur noch eingeschränkt funktionsfähig ist, ist solch ein Krankenhaus notwendig. Im Katastrophengebiet verbleibt es dann zwischen zwei Wochen und drei Monaten, je nach den Erfordernissen. Es ist eine Art Überbrückungshilfe, bis der betreffende Staat dafür sorgt, dass die eigene Infrastruktur zur Gesundheitsversorgung wieder funktioniert.

Bild: Ein Arzt hält eine Weltkugel in den Händen; Copyright: panthermedia.net/everythingposs

Das Notfallkrankenhaus, das ein gemeinsames Projekt der EU-Staaten ist, kann theoretisch überall auf der Welt eingesetzt werden; ©panthermedia.net/everythingposs

Welche Aufgaben hat das ICCAS im Projekt inne?

Neumuth: Wir kümmern uns um die Technologie des Krankenhauses. Das heißt sowohl Medizininformatik als auch Medizintechnik. Medizininformatik betrifft zum Beispiel die Patientenerfassung. In dem Moment, wenn ein Patient das Krankenhaus betritt, kommt er zu einer Triage-Abteilung und wird von einem Arzt begutachtet: Was hat er für eine Verletzung, wie schwer ist es? Und in welche Abteilung geht er? Oder reicht eventuell eine ambulante Versorgung? Der Patient wird mit seinen demographischen Daten namentlich erfasst. Das erfolgt über eine elektronische Patientenakte. In diese Patientenakte wird im Laufe der Behandlung des Patienten alles dokumentiert, was mit ihm passiert ist. Denn wenn er schließlich entlassen wird, erhält zum einen der Patient seinen Behandlungsreport. Gleichzeitig erhält auch das betroffene Land die Informationen über die behandelten Verletzungen.

Wir kümmern uns darum, dass idealerweise wenig Papier verwendet wird, da es nur einmal nutzbar ist und man auch keine Echtzeit-Informationen erhält. Das heißt, die Krankenhausleitung muss zu jedem Zeitpunkt wissen, wie viele Patienten sich in einer Fachabteilung befinden, wie viele Betten frei sind, wie viele Patienten entlassen wurden oder noch werden. Das sind Informationen, die sofort benötigt werden. Auch der Verbrauch von Verbandsmaterialien oder Medikamenten muss jederzeit bekannt sein, damit rechtzeitig nachbestellt werden kann. Die Leitung muss wissen, wie der aktuelle Stand ist, oder der Zustand der Patienten im Krankenhaus, um zu managen, Informationen zu erheben und weiterzuleiten.

Bild: Zwei Ärzte reden miteinander und zeigen auf ein Tablet, das sie in der Hand halten; Copyright: panthermedia.net/Cathy Yeulet

Das ICCAS kümmert sich um Medizintechnik und -informatik. Dazu gehört auch die Erfassung aller Patienten und ihrere Behandlung über eine elektronische Patientenakte; ©panthermedia.net/Cathy Yeulet

Was ist dabei die Herausforderung? Worauf muss besonders geachtet werden?

Neumuth: Besonders muss darauf geachtet werden, dass jeder Patient in dem System erfasst ist und es keine Verwechslung gibt. Außerdem sprechen die Patienten unter Umständen eine andere Sprache als die Ärzte, da sich das Personal des Krankenhauses aus den europäischen Staaten rekrutiert. Das ist auch an sich bereits eine Herausforderung, da zum Beispiel eine bulgarische Krankenschwester mit einer französischen Ärztin zusammenarbeitet. Sie müssen zusammenarbeiten können, eine gemeinsame Sprache haben und in einer gemeinsamen Sprache die Behandlung dokumentieren. Und sie müssen in der Lage sein, die Patienten entsprechend der Richtlinien zu behandeln und aufzuklären, auch entsprechend der lokalen, kulturellen Gepflogenheiten.

In welchem Stadium befindet sich das Projekt jetzt und was sind die weiteren Schritte?

Neumuth: Wir befinden uns jetzt in der Spezifikationsphase. Zwei Jahre lang werden die Verfahrensabläufe spezifiziert: Was sind die Module? Welche Fachabteilungen sind notwendig? Wie sollen die Informationssysteme funktionieren? Wie sind die Transportwege? Wie ist der Aktivierungsprozess? Wie ist der Prozess des Rückzugs am Ende der Einsatzphase? Ab etwa 2019 beginnt die Realisierung. Dann werden das Equipment für den Einsatzfall beschafft und die Prozeduren für das Training des multinationalen Krankenhauspersonals umgesetzt. Das Krankenhaus wird ab 2020 für den ersten möglichen Einsatzfall bereit sein wird.

Bild: Olga Wart; Copyright: Rolf Stahl

© Rolf Stahl

Das Interview wurde geführt von Olga Wart.
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