Projekt A.L.I.N.A: Fortbildung in der Interdisziplinären Notaufnahme

Interview mit Prof. Sabine Blaschke, Ärztliche Leitung, Interdisziplinäre Notaufnahme, Universitätsmedizin Göttingen

08.05.2017

Wie können sich Mitarbeiter in der Notaufnahme kontinuierlich, schnell und ohne bürokratische Hürden weiterbilden? Die Antwort liefert das Projekt A.L.I.N.A, das mit speziellen Assistenzdiensten und Lernumgebungen den Mitarbeitern neue Tools an die Hand gibt. Welche und wie sie funktionieren, darüber sprachen wir mit Prof. Sabine Blaschke von der Universitätsmedizin Göttingen.

Bild: Lächelnde Frau mit blonden, hochgesteckten Haaren - Prof. Sabine Blaschke;  Copyright: privat

Prof. Sabine Blaschke; © privat

Frau Prof. Blaschke, könnten Sie kurz das Ziel des Projektes umreißen und sagen, wo Sie derzeit stehen?

Sabine Blaschke: Das Ziel des Projektes ist die Etablierung von Assistenzdiensten für Mitarbeiter, die im nichtakademischen Bereich in der Präklinik und Klinik notfallmedizinisch tätig sind, also für Notfallsanitäter und Notfallpflegekräfte. Wir möchten gerne den beruflichen Alltag dieser Mitarbeiter unterstützen durch die Einführung von intelligenten Diensten, zum Beispiel für die Gerätebedienung, bei der Medikamentengabe, aber auch bei Erstmaßnahmen. Wir haben zusammen mit technologischen Partnern hierfür Lehr- und Lerninhalte programmiert und auf Tablets installiert. Die Dienste können dort webbasiert aufgerufen werden, sodass die Mitarbeiter in ihrem beruflichen Alltag eine Unterstützung erfahren, wenn sie etwa Informationen benötigen, beispielsweise beim Ausfall eines Gerätes oder beim Suchen von Informationen zur Durchführung von Erstmaßnahmen bei Notfallpatienten. Der aktuelle Stand ist, dass wir diese Dienste jetzt in zwei Modellkliniken für die Mitarbeiter zur Verfügung stellen und zwar in der Uniklinik Göttingen und in der Uniklinik Halle sowie den angeschlossenen Rettungsdienstbereichen. Dort werden wir mit der Erprobungsphase starten und bis Ende August verfolgen, wie die Akzeptanz und die Praktikabilität des Einsatzes solcher Assistenzdienste im beruflichen Alltag aussehen.

Erhält jeder Mitarbeiter ein Tablet oder werden an zentraler Stelle Tablets zur Verfügung gestellt?

Blaschke: Uns stehen pro Modellklinik 12 Tablets zur Verfügung, jeweils sechs im Bereich der Notaufnahme und sechs im Bereich des zuständigen Rettungsdienstes. Die Tablets werden weitergereicht an die Mitarbeiter, die sich mit einem eigenen Log-in in das Dienstcenter einloggen können. Wir werden etwa 40 Mitarbeiter pro Standort in die Studie einschließen.

Bild: Ein Hand tippt auf ein liegendes Tablet ; Copyright: panthermedia.net / Koson Rattanaphan

Projekt A.L.I.N.A: Intelligente Assistenzdienste und personalisierte Lernumgebungen zur Wissens- und Handlungsunterstützung in der Interdisziplinären Notaufnahme - Das Tablet hilft, sich während der Arbeit fortzubilden und Fragen schnell zu beantworten; ©panthermedia.net/Koson Rattanaphan

Sie erwähnten gerade die Möglichkeit, dass ein medizinisches Gerät ausfällt. Geht es dabei auch um für Patienten lebenskritische Bereiche oder "nur" um allgemeine strukturelle Abläufe?

Blaschke: Unsere Dienste werden nicht als Medizinprodukt eingesetzt. Das heißt, sie dürfen nicht im direkten Patientenkontakt eingesetzt werden. Das ist entsprechend im Datenschutz- und Sicherheitskonzept formuliert. Ein Einsatz als Medizinprodukt ist auch nicht unser Ziel. Unser Ziel ist es, die Mitarbeiter ihrem beruflichen Alltag zu unterstützen. Uns geht es darum zu schauen, inwieweit es zu einem Lernzuwachs kommt, wenn Mitarbeiter die Gelegenheit haben, Tablets mit entsprechenden Programmen zu nutzen. Es ist nicht so, dass wir erwarten, dass die Notfallversorgung sich dadurch direkt verbessert. Wir möchten, dass es zu einem Wissenszuwachs bei den Mitarbeitern kommt, die sich durch die Assistenzdienste stetig während ihrer beruflichen Tätigkeit fort- und weiterbilden können.

Sie sprechen auf der Homepage des Projektes auch von personalisierten Lernumgebungen. Wie funktioniert das?

Blaschke: Neben den Assistenzdiensten, die im beruflichen Alltag eingesetzt werden, haben wir an beiden Universitätskliniken eine Lernplattform etabliert, auf die sich die Mitarbeiter mit denselben Log-in-Daten einloggen können, um außerhalb ihrer beruflichen Tätigkeit oder in Pausenzeiten vertiefte Informationen aufrufen zu können zu Inhalten, die sie interessieren. Beispiel: Wenn eine Wiederbelebungsmaßnahme in der Präklinik stattgefunden hat, kann sich ein Mitarbeiter hierzu detailliertere Informationen zur Durchführung einer Wiederbelebungsmaßnahme aufrufen. So können die Abläufe nochmals gefestigt werden.

Welche Defizite gab es vor Beginn des Projektes? Mangelte es an Möglichkeiten der Fort- und Weiterbildung?

Blaschke: Mitarbeiter, die in einer Notaufnahme tätig sind, sind nicht in allen Krankenhäusern verpflichtet, bestimmte Fort- und Weiterbildungen in ihrem beruflichen Alltag wahrzunehmen. Zusätzlich ist es so, dass im Jahr 2016 die Ausbildung des Rettungsdienstes verändert wurde. Es gibt nun nur noch eine Ausbildung zum Notfallsanitäter. Im Kontext der fehlenden Verpflichtung der Fort- und Weiterbildungen sowie durch die Umstrukturierung der Fort- und Weiterbildung gerade im präklinischen Bereich haben wir den Bedarf gesehen, die Mitarbeiter zu unterstützen. Hinzu kommt, dass in der Notfallmedizin viele verschiedene Mitarbeiter zusammenarbeiten. Es wird interprofessionell gearbeitet, aber auch interdisziplinär. Darüber hinaus besteht ein hoher Zeit- und Kostendruck. Der berufliche Druck, der auf den einzelnen Mitarbeitern lastet, ist erheblich, sodass in bestimmten Situationen auch leichter Fehler passieren. Daher sehen wir einen Bedarf, die Mitarbeiter in ihrem beruflichen Kontext stetig zu schulen. Das lässt sich einfacher gestalten, indem man solche Assistenzdienste zur Verfügung stellt.

Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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