Projekt TeleView – Telemedizin für Flüchtlinge --

Projekt TeleView – Telemedizin für Flüchtlinge

Interview mit Dr. Hassan Soda und Dr. Nagham Soda, Neurologische Klinik Bad Neustadt

23.01.2017

Wenn ein Flüchtling nach Deutschland kommt, hat er mit sprachlichen und kulturellen Barrieren zu kämpfen – auch im medizinischen Bereich. Oft können die Patienten weder ihre Krankengeschichte noch ihr akutes Leiden verständlich machen, was zu hohen Zeitaufwänden und Kosten in Arztpraxen und Unterkünften führt. Diesem Problem will das telemedizinische Projekt TeleView entgegenwirken.

Bild: Sechs Männer und eine Frau stehen in einer Reihe, die Frau hält eine Urkunde in den Händen; Copyright: Rhön-Klinikum, ZTM Bad Kissingen

Das Projekt TeleView hat den Telemedinpreis 2016 der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin gewonnen. Dr. Nagham Soda hält die Urkunde in der Hand. Rechts neben ihr steht Dr. Hassan Soda; © Rhön-Klinikum, ZTM Bad Kissingen

Hierbei können Ärzte mit Migrationshintergrund die Behandlung von Flüchtlingen an ihrem Aufenthaltsort, sei es Arztpraxis, Krankenhaus oder Flüchtlingsunterkunft, über eine Videosprechstunde mit Anamnese und Diagnose unterstützen. Dadurch wird die medizinische Versorgung der Flüchtlinge optimiert und das Gesundheitssystem entlastet.

Worum genau handelt es sich bei TeleView?

Dr. Nagham Soda: TeleView ist ein telemedizinisches Verfahren in Form einer Videosprechstunde zwischen dem TeleView-Arzt (zum Beispiel in einer Klinik) und einem Flüchtling sowie einer medizinischen Fachkraft, die sich an einem anderen Ort befinden. Das kann ein Flüchtlingsheim, ein Krankenhaus oder eine Arztpraxis sein.

Dr. Hassan Soda: TeleView hat als ehrenamtliches Projekt begonnen. Wir beide sowie weitere Kollegen mit Migrationshintergrund sahen unsere Pflicht darin, den Flüchtlingen, die nach Deutschland kamen, zu helfen. Wir wollten den Leuten mit unserer Sprach- aber auch mit unserer medizinischen Kenntnis weiterhelfen. Das Problem war allerdings, dass wir nicht allen Flüchtlingen in der Region helfen konnten. Und aus diesem Wunsch heraus entstand schließlich die Idee TeleView.

Wie läuft eine Sprechstunde in der Regel ab?

N. Soda: Zunächst wird die Krankengeschichte aufgenommen. Das geschieht bereits im Vorfeld der Sprechstunde über ein vorgefertigtes Anamneseprotokoll, welches es zweisprachig gibt – auf Deutsch und auf Arabisch. In der Sprechstunde werden dann offene Fragen der Krankengeschichte geklärt und anschließend widmet man sich der Hauptfrage: Welche Beschwerde hat der Patient? Zusätzlich ist es möglich, mithilfe der Fachkraft vor Ort kleinere Untersuchungen durchzuführen, wie zum Beispiel das Messen des Blutdrucks oder das Abhören der Lungenfunktion. Am Ende der Videosprechstunde können wir Empfehlungen geben und Maßnahmen einleiten. In manchen Fällen ist der Besuch eines Hausarztes oder eines Facharztes erforderlich. Es gab auch Fälle, in denen eine rein konsultative Maßnahme ausreichend war.
Bild: Zwei Leute sitzen in einem Raum und blicken auf einen Bildschirm; Copyright: Rhön-Klinikum, ZTM Bad Kissingen

Im Flüchtlingsheim kann der Patient dem zugeschalteten Arzt seine Beschwerden in der eigenen Sprache mitteilen. Bei Bedarf kann eine Fachkraft, die sich vor Ort befindet, kleine Untersuchungen durchführen; © Rhön-Klinikum, ZTM Bad Kissingen

Warum ist ein Projekt wie TeleView nötig?

N. Soda: Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Ein Grund ist die standardisierte Abfrage, die wir mit dem Anamneseprotokoll bieten. Wenn einem Flüchtling bei jedem Arztbesuch die gleiche Frage gestellt wird, ist der Einsatz eines solchen Bogens sehr sinnvoll. Der zweite Punkt ist die sprachliche Barriere, die damit überwunden wird. Ein weiterer Aspekt ist die kulturelle Barriere: Die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, erleiden einen Kulturschock. Sie kommen mit dem neuen (Gesundheits-)System und dem neuen Land meist nicht wirklich zurecht. Ich komme zum Beispiel aus Syrien und kenne daher die Unterschiede. 

Zudem gibt es für die Flüchtlinge einen Mangel an psychosomatischer Betreuung. Die meisten Flüchtlinge kommen aus Kriegsgebieten und sind traumatisiert. Viele Patienten nehmen TeleView nicht nur wegen körperlicher Beschwerden in Anspruch, sondern auch wegen der Betreuung durch einen Psychiater.

H. Soda: Die Flüchtlinge, die nach Deutschland gekommen sind, führen oftmals kein einziges Dokument mit sich. Wenn ein Flüchtling schließlich in einer Notunterkunft angekommen ist, stellen sich für den Arzt eine Reihe von Fragen: Welche Vorgeschichte hat er? Welche Medikamente nimmt er? Hat er Vorerkrankungen? Deswegen wollten wir mit dem Projekt TeleView nicht nur die Telekonsultation bieten, sondern gleichzeitig alle relevanten Informationen direkt elektronisch erfassen. Wenn es zwei oder drei Wochen später zu einem Notfall kommt und der Patient in ein Krankenhaus eingeliefert werden muss, können die Informationen direkt mitgegeben werden. Das ist eine große Erleichterung für die behandelnden Ärzte.

Zum anderen können wir mit unserer Sprechstunde dafür sorgen, dass der Flüchtling nicht, aufgrund eines Missverständnisses oder auch weil relevante Informationen der Krankengeschichte fehlen, von Arztpraxis zu Arztpraxis gehen muss. Insgesamt wird mit dem Projekt TeleView auf diese Weise viel Zeit und viel Geld gespart. Und die medizinische Versorgung der Flüchtlinge hat sich dadurch verbessert.  

Bild: Dr. Nagham Soda sitzt vor einem Laptop; Copyright: Rhön-Klinikum, ZTM Bad Kissingen

TeleView gibt den Flüchtlingen das Gefühl, gut aufgehoben zu sein. Zum einen gibt es keine Verständigungsprobleme mehr und zum anderen können sie mit einem Arzt ganz offen über die Krankengeschichte sprechen; © Rhön-Klinikum, ZTM Bad Kissingen

Was sind die Vorteile von TeleView gegenüber beispielsweise dem Einsatz eines Dolmetschers?

N. Soda:
Die ehrenamtlichen Dolmetscher leisten selbstverständlich großartige Arbeit. Aber trotz allem besitzen sie kein medizinisches Hintergrundwissen. Mit medizinischem Fachjargon kommen sie nicht oder nur schwer zurecht, sodass es bereits zu Missverständnissen zwischen dem Flüchtling, dem Dolmetscher und dem Arzt kam. Ein weiterer Grund liegt in der ärztlichen Schweigepflicht begründet, der die Dolmetscher nicht unterliegen. Deshalb haben viele Flüchtlinge ihre Beschwerden nur ungenau erläutert, da es ihnen unangenehm war, vor einer fremden Person die gesamte Krankengeschichte offenzulegen.

Wie sieht die weitere Entwicklung des Projekts aus?

H. Soda: Als neuestes Projekt haben wir eine App für die Flüchtlinge entwickelt: Neben dem Anamneseprotokoll enthält sie viele wichtige Informationen über das deutsche Gesundheitssystem. In diese App kann der Flüchtling seine Informationen einspeisen und bei Bedarf vorzeigen. Zurzeit gibt es die App in zwei Sprachen – Arabisch und Deutsch. Das soll aber noch erweitert werden.

TeleView hat als Pilotprojekt begonnen. Von April bis September 2016 haben wir etwa 1.000 Flüchtlinge in der Region betreut und etwa 70 Fälle in Bad Kissingen mit der Hilfe von TeleView bearbeitet. Wir wollten zunächst sehen, ob sich ein solches Projekt überhaupt lohnt – für die Flüchtlinge, für die Kliniken, für die Arztpraxen. In einer zweiten Phase soll das ausgeweitet werden, sodass wir insgesamt für circa 2.000 Flüchtlinge zuständig sind. In der ersten Phase standen uns etwa zehn Ärzte mit Migrationshintergrund zur Verfügung, welche die Sprechstunden in ihrer Freizeit übernommen haben. Für die zweite Phase müssen wir noch überlegen, ob es nicht sinnvoll ist, Ärzte für die Telekonsultation fest anzustellen.


Die Partner für die Pilotphase des Projekts TeleView waren das Zentrum für Telemedizin (ZTM) Bad Kissingen sowie das Rhön-Klinikum. Unterstützt wurden sie vom Landkreis Bad Kissingen und dem Bayerischen Roten Kreuz.

Bild: Olga Wart; Copyright: Rolf Stahl

© Rolf Stahl

Das Interview wurde geführt von Olga Wart.
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