Krebspatienten sprechen ganz unterschiedlich auf Behandlungen an. In der Präzisionsonkologie versucht man daher, bereits im Vorfeld herauszufinden, welche individuell angepasste Therapie am erfolgversprechendsten ist. Dazu analysieren Fachleute die molekularen, zellulären und funktionellen Eigenschaften menschlicher Tumoren. Manche dieser Eigenschaften, etwa bestimmte Veränderungen im Erbgut der Krebszellen, können dann als Biomarker dienen, die die Erfolgschancen bestimmter Behandlungsansätze anzeigen. Auf dieser Grundlage trifft ein sogenanntes molekulares Tumorboard - ein Team mit vielfältiger Expertise in Onkologie, Pathologie, Molekularbiologie, Bioinformatik und medizinischer Genetik - individuelle Therapieentscheidungen.
Retrospektive Analysen zeigen, dass etwa ein Drittel aller Krebspatienten von Therapieentscheidungen auf Basis von Biomarkern profitiert. Bei seltenen Krebsarten war die klinische Relevanz präzisionsonkologischer Ansätze bisher nicht belegt. Das liegt im Wesentlichen daran, dass diese Tumorarten nur wenig erforscht sind und ihre Häufigkeit in den einzelnen Krebszentren so gering ist, dass die Patientengruppen zu klein sind für aussagekräftige Untersuchungen. Im DKFZ/NCT/DKTK-MASTER-Programm haben sich daher Zentren in ganz Deutschland zusammengeschlossen, um größere Stichproben betrachten und erforschen zu können. Denn tatsächlich machen die seltenen Krebsarten in ihrer Gesamtheit bis zu einem Viertel aller Tumorerkrankungen aus. Und anders als bei den häufigen Krebsarten wie Brust-, Darm- oder Lungenkrebs gibt es bei diesen seltenen Erkrankungen in der Regel keine oder nur wenige etablierte Therapiestandards und somit einen erheblichen ungedeckten medizinischer Bedarf.
In der prospektiven Beobachtungsstudie im Rahmen des DKFZ/NCT/DKTK-MASTER-Programms haben Wissenschaftler die vollständigen molekularen Profile und klinischen Daten von 1310 Krebspatienten analysiert. 75,5 Prozent davon litten an seltenen Tumoren. Basierend auf 472 einzelnen und sechs zusammengesetzten Biomarkern empfahl ein institutionenübergreifendes molekulares Tumorboard in 88 Prozent der 1310 Fälle eine evidenzbasierte Behandlung mit teilweise neuen, experimentellen Therapien. Die jeweiligen Empfehlungen wurden bei etwa einem Drittel dieser Patienten umgesetzt und führten zu signifikant verbesserten Gesamtansprech- und Krankheitskontrollraten im Vergleich zu Standardtherapien.
"Unsere Daten belegen den Nutzen der sogenannten molekularen Stratifizierung bei seltenen Krebsarten. Dies bildet die Basis für neue klinische Studien und erleichtert die Zulassung von Medikamenten in dieser unterversorgten Patientenpopulation," sagt Stefan Fröhling, Geschäftsführender Direktor am NCT Heidelberg und einer der Leiter der Studie.
MEDICA.de; Quelle: Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT) Heidelberg