So einfach, so wirksam: Eine Videobrille lenkt Patientinnen und Patienten vor und nach Operationen ab und verringert so Stress. Das hat positive Auswirkungen auf ihr Wohlbefinden und die Genesung. Noch dazu können durch die Methode der audiovisuellen Sedierung die Nachwirkungen von Beruhigungsmitteln für Vollnarkosen vermieden werden.
In dieser Multimediareportage teilt unter anderem Andreas Janzen, Facharzt für Anästhesiologie und leitender Oberarzt an der Inselklinik Föhr-Amrum seine Erfahrungen direkt aus dem Klinikalltag mit uns.
Wie wird die Videobrille eingesetzt?
Die audiovisuelle Sedierung läuft über die Kombination aus Bild und Ton. Augen und Ohren nehmen 80 Prozent der Sinneseindrücke auf, weshalb Filme die Aufmerksamkeit von Patientinnen und Patienten vom medizinischen Eingriff ablenken können. Das heißt also einfach: Film aus einem größeren Angebot auswählen, Brille und Kopfhörer anziehen und los geht's. Damit niemand die Orientierung verliert und weiterhin ansprechbar ist, liegt die Brille an den Seiten übrigens nicht komplett an.
Hauptsache entspannt: wichtige Erkenntnisse aus Sicht der anwendenden Anästhesisten
Anästhesist Andreas Janzen testet die Brille seit einigen Monaten bei stationären Eingriffen. Er beschreibt: "Bei Notfällen oder Unfällen setzt man die Brille nicht ein. Aber gerade im ambulanten Bereich, wo wir einen hohen Anteil an regionaler Anästhesie haben, wo die Patientinnen und Patienten wach sind und nur ein wenig sediert werden müssten, da setzen wir die Brille ein. Oder auch bei Vollnarkose in der ersten Stunde, während die Patienten in der Vorbereitung liegen und auf die OP warten. Da merkt man am Blutdruck, am Puls, dass sie sich entspannen. Und das ist einfach gut für die Narkose."
Im Videostatement erklärt der Anästhesist den Mehrwert der audiovisuellen Sedierung:
Was war der Antrieb hinter der Entwicklung?
Start-up-Gründer und Erfinder der Brille von HappyMed, Philipp Albrecht wollte nach einem schmerzhaften und langwierigen Eingriff herausfinden, wie man solche Situationen für Patientinnen und Patienten erleichtern kann. Das Gerät sollte einfach zu bedienen sein und unkompliziert im Klinikalltag eingesetzt werden können. Heraus kam die Videobrille. Im Video testet er sein Produkt selbst bei einer Knie-OP und lässt uns daran teilhaben.
Zahlen und Fakten: Das sagen Studien über die Wirkung der alternativen Betäubung
weniger Stress bei medizinischem Personal
Für Kliniken gibt es einige Vorteile, wenn Sie die audiovisuelle Sedierung einsetzen: Wenn Patientinnen und Patienten weniger Stress empfinden, werden sie ruhiger und somit kooperativer. Das unterstützt das Personal vor und während der Operationen. Auch Pflegekräfte und Ärztinnen und Ärzte berichten von messbar geringerem Stress und höherem Wohlbefinden, wenn audiovisuelle Systeme die Atmosphäre für Patientinnen und Patienten verbessern.
geringerer wahrgenommener Schmerz
In einem White Paper fasst HappyMed Studien zusammen, in denen audiovisuelle Distraktion die subjektive Schmerzbelastung während Eingriffen senken konnte. Der Effekt entsteht vor allem durch die Umlenkung der Aufmerksamkeit weg vom Eingriff.
weniger Angst bei PatientInnen möglich
Angst ist ein zentraler Treiber für Schmerzempfinden, Sedierungsbedarf und negative Patientenerfahrungen. Audiovisuelle Ablenkung mit VR-Brillen, Naturvideos oder immersiven Inhalten reduzierte in mehreren Studien die präoperative und prozedurale Angst deutlich. Das hat positive Auswirkungen:
bessere Patientenerfahrung und -Zufriedenheit
potenziell weniger Beruhigungsmedikation
ruhigere Abläufe bei Eingriffen und Untersuchungen
geringere Abbruch- oder Wiederholungsraten bei diagnostischen Verfahren
Regionalanästhesie statt Vollnarkose bevorzugt
Eine weitere Studie konnte zeigen, dass fast die Hälfte der Patientinnen und Patienten während einer Operation mit Regionalanästhesie dank audiovisueller Ablenkung ohne zusätzliche Sedierung auskam. 90 Prozent der Operierten bevorzugten eine Regionalanästhesie mit audiovisueller Ablenkung gegenüber einer Vollnarkose. Zudem werden regionale Anästhesieverfahren mit weniger postoperativen Komplikationen und kürzeren Krankenhausaufenthalten in Verbindung gebracht. (Quelle Studie: Pepper et al. (2016); Perlas (2016))
Übersicht zu den genannten Studien
Mifflin, K. A., Hackmann, T., & Chorney, J. M. (2012). Streamed video clips to reduce anxiety in children during inhaled induction of anesthesia. Anesthesia and Analgesia , 115 (5), 1162–1167.
Chow, C. H. T., Van Lieshout, R. J., Schmidt, L. A., Dobson, K. G., & Buckley, N. (2016). Systematic Review: Audiovisual Interventions for Reducing Preoperative Anxiety in Children Undergoing Elective Surgery. Journal of Pediatric Psychology , 41 (2), 182–203.
Pepper, W., Athanassoglou, V., Matthews, J., & Galitzine, S. A. (2016). Survey of 50 patients undergoing awake surgery with audiovisual distraction, assessing the patient experience and comparing it to previous general anaesthesia.Regional Anaesthesia and Pain Medicine, 41, e156.
Perlas, A. (2016). Anesthesia technique and mortality after total hip or knee arthroplasty. Anesthesiology, 125, 724-31
Auf die Akzeptanz bei Klinikpersonal, Patientinnen und Patienten kommt es an
Ob sich neue Verfahren im Klinikalltag etablieren, entscheidet nicht allein die Studienlage. Genauso wichtig ist, wie gut sie von Patientinnen und Patienten angenommen werden und ob sie sich unkompliziert in bestehende Abläufe integrieren lassen. Die Erfahrungen aus der Praxis zeigen: Viele Patientinnen und Patienten empfinden die audiovisuelle Ablenkung als positiv – und empfehlen sie weiter. Für Kliniken kann das ein wichtiger Baustein sein, um medizinische Versorgung und Patientenerlebnis gleichermaßen weiterzuentwickeln.
Autorin: Natascha Mörs | Redaktion MEDICA.de
Seit 20 Jahren schreibt und dreht die Multimedia-Redakteurin Natascha Mörs für MEDICA.de. Besonders die persönlichen Gespräche mit Expertinnen und Experten aus der Welt der Medizintechnologie über ihre praktischen und immer smarteren Lösungen liegen ihr am Herzen.