Mobile Health (`mHealth´) ist einer der großen Trends weltweit im Gesundheitsbereich. Immer weiter auf dem Vormarsch sind demnach kompakte Lösungen für eine bessere Vernetzung der Healthcare-Akteure, etwa für den Datentransfer zwischen Ärzten untereinander sowie für die Kommunikation zwischen Arzt und Patient. Was diese stark im Trend liegenden `mHealth´-Applikationen schon heute als Beitrag für eine unkomplizierte, schnelle Versorgung leisten, demonstrierten viele Aussteller der mit 5.500 Ausstellern weltgrößten Medizinmesse MEDICA (Laufzeit 2019: 18. – 21. November). Anzuführen sind in diesem Zusammenhang vor allem auch die am MEDICA START-UP PARK, an den „Disrupt“-Sessions beim MEDICA CONNECTED HEALTHCARE FORUM, der MEDICA App COMPETITION und dem HEALTHCARE INNOVATION WORLD CUP beteiligten Jungunternehmen. Mit ihren kreativen Ideen und Neuheiten-Präsentationen zogen sie die Besucher in ihren Bann und die Aufmerksamkeit potenzieller Investoren und Business-Partner auf sich.
„Wir sind die einzigen, die eine Therapie mit Hirn- und Muskelsignalen anbieten“, so warb Dr. Subhasis Banerji von Synphne Pte Ltd aus Singapur für seine Lösung im Finale der 8. MEDICA App COMPETITION (19.11.). Seine Präsentation überzeugte die Jury und `SynPhNe´ (gesprochen wie Symphonie) wurde als Gesamtsieger ausgezeichnet. Aber auch die Sieger auf den Folgeplätzen, `DeePathology.ai´ auf Platz zwei (aus Israel/ KI-Lösung für die digitale Pathologie) und `midge App´ (aus Deutschland/ Testapplikation zur einfachen Blutentnahme u. –auswertung auf Platz drei), überzeugten.
Unabhängig von der Platzierung dürfen sich alle 15 Finalisten als Gewinner fühlen, bekamen sie doch die Möglichkeit geboten, ihre Health-App-Lösung dem internationalen Fachpublikum, das zur MEDICA aus 170 Nationen anreiste, vorzustellen.
Synchrones Training von Gehirn und Muskeln
Die siegreiche mobile Lösung von `SynPhNe´ erfasst zeitgleich Gehirn- und Muskelsignale und besteht aus einem speziell entwickelten Headset mit neuronalen Sensoren sowie einem Armhandschuh, ausgestattet mit Muskelaktivitätssensoren. Die Patienten machen damit Übungen, die ihnen mittels Videos vorgegeben werden. Bewegungen und Hirnsignale werden auf diese Weise in Echtzeit synchronisiert. Geübt wird zunächst stationär; in der Folge führt der Patienten die Behandlung selbstständig und ambulant weiter aus. Dr. Banerji hob in seiner Bühnenpräsentation Anwendungen wie die Rekonvaleszenz nach Schlaganfall, aber auch Dyslexie und Aufmerksamkeitsstörung besonders hervor. Möglich sei aber ebenfalls der Einsatz bei Verletzungen und einigen anderen altersbedingten Beeinträchtigungen.
Ein „KI-Werkzeugkoffer“ für die Pathologie
Für DeePathology Studio aus Israel trat Mitgründerin Nizan Sagiv auf der Bühne in Messehalle 13 an. „Wir glauben an das, was wir tun“, lautete ihr selbstbewusstes Credo – und das soll im Ergebnis den Einzug Künstlicher Intelligenz (KI) zum Zwecke der Forschung und Diagnostik in wirklich jedes Pathologielabor bewirken. Pathologen und Forscher können mit den von DeepPathology entwickelten KI-Algorithmen auf einfache Weise KI-Lösungen für ihre Arbeit erstellen, sie bekommen mit dem neuen Tool quasi eine Art „KI-Werkzeugkoffer“ an die Hand. So können sie ihrem intelligenten Helfer schnell Dinge beibringen wie z. B. das Zählen von bestimmten Zellen und verschiedenen Arten von Objekten, das Segmentieren von Tumorregionen und vieles mehr. Sagiv unterstreicht: „Der Vorteil unseres Systems ist, dass es super schnell und super einfach ist.“ Zunächst trainiert der Nutzer das KI-Software-Tool weiter an und vermittelt, wie gesuchte Zellen oder ähnliche Strukturen – zum Beispiel Amyloid-Plaques bei Alzheimer – aussehen. Nach einer kurzen Einarbeitung wird die KI wiederum eigene Vorschläge unterbreiten, die mit zunehmender Erfahrung akkurater werden. Sagiv betonte während ihrer Final-Präsentation, dass dazu kein Zugriff auf große Datenmengen notwendig sei. Vielmehr arbeite das System selbst auf einem Laptop und sei eben für jedes Pathologie-Labor gedacht.
Einfache Blutanalyse via Smartphone
Das deutsche Entwicklerteam von midge medical konnte den dritten Platz der MEDICA App COMPETITION 2019 mit einer einfachen Hard- und Software-Lösung zur Blutentnahme und –analyse erreichen. Dabei pickst der Nutzer mittels einer Lanzette selbst in die Haut. Das austretende Blut sickert in einen im Gerät integrierten Teststreifen, der sich verfärbt. Diese Farbe wird mit Hilfe eines Smartphone aufgenommen, für die Diagnose analysiert und digitalisiert. Jede Lanzette ist ein Einwegprodukt, wodurch die nötige Hygiene gewährleistet werden kann. „Trotz der einfachen Handhabung: Unser System ist komplex“, erklärt Laura Henrich, Chief Marketing Officer von midge medical. Mit dem Gerät lässt sich der CRP-Wert im Blut bestimmen. Dieses C-reaktive Protein ist zunächst ein unspezifischer Laborparameter für akute entzündliche Erkrankungen, denen eine infektiöse oder nicht-infektiöse Ursache zugrunde liegen kann. Gemeinsam mit anderen Angaben des Patienten kann der Arzt vor Ort oder per Telemedizin mit diesen Daten besser entscheiden, ob beispielsweise eine Antibiotikagabe sinnvoll ist oder nicht. Das System könnte also die Möglichkeiten bereits vorhandener telemedizinischer Verfahren erweitern. Henrich weist auch auf die Möglichkeit einer Verlaufskontrolle hin. Wenn der CRP-Wert sich richtig verhalte, sei die Therapie sehr wahrscheinlich erfolgreich. Perspektivisch sollen weitere Blutwerte gemessen werden. Gerade die Anwendung im Rahmen von Telediagnostik könnte auch aus Sicht deutscher Krankenkassen attraktiv sein. Entsprechend optimistisch begrüßt Laura Henrich das kürzlich durch den Deutschen Bundestag beschlossene Digitale-Versorgung-Gesetz (DVG), das das ärztliche Verordnen von Apps ermöglichen soll.
Und wie bewerten etablierte Branchen-Player als potenzielle Business-Partner die Erkenntnisse aus der diesjährigen MEDICA App COMPETITION? „Die Finalisten stellten die wichtigsten Trends der digitalen Gesundheit dar, wie die digitale Grundversorgung, digitale Therapeutika und klinische Entscheidungshilfen. Wir sind an all diesen Bereichen interessiert und engagieren uns dafür, dass Innovatoren ihren individuellen Weg weiter ausbauen und für Patienten sowie Pflegeteams Wirkung zeigen", sagt Oliver Gassner, Head of Digital Health Intelligence von Bayer G4A.
Nadel- und schmerzfreie Verabreichung von Arzneien
Gassner dürfte einen Tag zuvor (18.11.) bei der MEDICA 2019 auch das Finale des HEALTHCARE INNOVATION WORLD CUP aufmerksam verfolgt haben. Hier standen innovative Lösungen des „Internet of Medical Things“ (IoMT) im Blickpunkt. Siegreich war das spanische Startup Medicsensors. Dessen Repräsentant, Alejandro Ruiz, präsentierte mit `Medicsen´ die Entwicklungsarbeit an einem System zur nadelfreien und schmerzfreien Verabreichung von Arzneimitteln. Konkret geht es um ein so genanntes Smartpatch, das Wirkstoffe über die Haut abgibt. In einem ersten Schritt liegt das Augenmerk der Entwicklung auf Diabetes-Anwendungen, so Ruiz: „Zurzeit arbeiten wir mit Insulin. Künftig wollen wir jedoch auch andere, größere Moleküle über die Haut transportieren.“ Ein Limit liege in der maximalen Molekülgröße und der Wirkstoff dürfe die Haut nicht passiv durchdringen. Ansonsten sei vieles möglich. Klar definierte Zielsetzung bis zum Jahr 2023: Das Smartpatch soll in der Lage sein, einem Algorithmus folgend automatisch Wirkstoffe abzugeben oder aber manuell aktiviert durch den Benutzer. Die automatisierte Abgabe von Insulin käme für Diabetiker schon der Funktion einer künstlichen Bauchspeicheldrüse ziemlich nahe.
Platz zwei erreichte mit `MJN-SERAS´, ebenfalls einer Entwicklung aus Spanien, ein Wearable zur Messung der Hirnaktivität. Damit könnten Patienten bereits einige Minuten vor einem epileptischen Anfall eine Vorwarnung erhalten. Ergebnisse von klinischen Studien werden noch für dieses Jahr und 2020 erwartet. Aber dann soll das System auch bereits auf den Markt kommen. Ausgeweitet werden könnte die Anwendung auf die Beobachtung und Therapie von Krankheiten wie Alzheimer, Bipolare Störung oder Schlafapnoe.
Und auch beim HEALTHCARE INNOVATION WORLD CUP belegte ein deutsches Unternehmen den dritten Platz. Lukas Liedtke stellte `heat it´ vor. Das Gerät bekämpft die Symptome Jucken, Schmerz, Schwellung bei Insektenstichen binnen kürzester Zeit. Abhängig von der Art des Insektenstiches und der Empfindsamkeit wird die Stelle vier bis zehn Sekunden lang erhitzt. Dies hemmt die für den Juckreiz verantwortliche Ausschüttung von Histaminen. „Wir sind nicht die ersten, die dieses Wirkprinzip ausnutzen. Aber wir sind die ersten, die dies mit dem Smartphone koppeln“, erläuterte Liedtke. Das Gerät wirkt so punktgenau bei Mücken, Wespen, Bienen und Bremsen.
Alle Informationen zur MEDICA App COMPETITION und zum HEALTHCARE INNOVATION WORLD CUP als Bestandteil des MEDICA CONNECTED HEALTH FORUM sind online abrufbar unter
https://www.medica.de/mchf1.
Termin der nächsten MEDICA in Düsseldorf: 16. - 19. November 2020
Autor: Dr. Lutz Retzlaff, freier Medizinjournalist (Neuss)